Mist gebaut und die Folgen ...

Dieses Thema im Forum "Infektion" wurde erstellt von frido, 6. September 2011.

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  1. frido

    frido Neues Mitglied

    Hallo

    Ich weiß, dies ist ein Forum, in dem die meisten MitgliederHIV-positiv sind. Aber ich glaube, dass viele, die Angst haben sich evtl. angesteckt zu haben, eben gerade auch hier nach Informationen stöbern, um ihre eigene Situation besser bewerten zu können. Ich weiß auch, dass HIV nicht sofort den Tod bedeutet. Viele Menschen leben jahrzehntelang damit, dank der heutigen Forschung und den Medikamenten. Für mich aber wäre bei der Diagnose „positiv“ alles aus gewesen. Ich hätte nicht so weiterleben können. Meine Frau hätte mich bestimmt verlassen. Es wäre gar nicht um den „one wrong fuck“ gegangen, sondern um das grob fahrlässige oder sogar vorsätzliche Verhalten im Anschluss. Ich habe komplett versagt, alles auf´s Spiel gesetzt, für 2 oder 3 geile Minuten. Wie wenig Hirn kann man haben????

    Was war geschehen? Im Frühjahr hatte ich beruflich auswärts zu tun. Weg von Familie und Freunden war es irgendwann soweit, dass ich in einen Sexshop ging, der auch diese Einzelkabinen mit soundsoviel Filmen zur Auswahl hatte. Man(n) weiss, ja, was man(n) da dann tut. In diesem Falle jedoch hatte ich aus Zufall eine Kabine gewählt, die ein Loch zur Nachbarkabine hatte. Aus diesem Loch blickten zwei Augen zu mir herauf und ein paar Finger luden mich ein, doch mit mir spielen zu lassen. Lust, Neugierde, ich weiß nicht was es war – auf einmal bearbeiteten nicht meine Finger mein Stück, sondern wildfremde! Ist ja kein Risikokontakt, wenn man gew…. wird. Ich näherte mich immer weiter dem Loch, bis ich auch oral befriedigt wurde. Ist ja auch „ziemlich sicher“, kein Problem … Ja – es war geil. Nach einer kurzen Unterbrechung mit „Handversorgung“ ging es dann weiter. Ich spürte sehr schnell, dass ich das nicht lange aushalten würde und sagte, dass ich gleich kommen würde. Ich zog „ihn“ zurück und erledigte den Rest von Hand. Da erkannte ich, dass der Mann in der Nebenkabine sich anscheinend umgedreht hatte und ich in ihn anal eingedrungen war. In die abebbende Lust mischte sich nun ein Schock. Das war Analverkehr ohne Kondom mit einem unbekannten Mann! Hallo … wenn eines in meiner Schulbildung hängengeblieben war, dann war das eben der „one wrong fuck“, wenn es darum geht, sich in einer heterosexuellen (und eigentlich monogamen) Beziehung mal eben HIV einzufangen.

    Es kam noch besser: als ich im Hotel angekommen war und sofort duschte, bemerkte ich, dass durch den Oralverkehr die Zähne einige deutliche Spuren auf „ihm“ hinterlassen hatten. Also auch noch offene, leicht blutende Wunden! PERFEKT!

    Mir war klar, das war´s! Wie blöd kann man denn sein? Diese Nacht war an Schlaf nicht zu denken! Was tun? Wie gegenüber der Frau verhalten? Nach einigen Tagen gelang es mir, auch mal nicht nur DARAN zu denken. Und – das klingt jetzt blöd – das war ein schönes Gefühl. Leider kam die Angst und die Ungewissheit immer wieder. Nun weiß ich, dass ein verlässlicherHIV-Test erst nach 10 – 12 Wochen aussagekräftig ist. Und für eine PEP (Post-Expositions-Prohylaxe) war es schon zu spät. Also, was tun …

    Leider habe ich genau das Falsche getan: ich habe es für mich behalten und hatte in der Folgezeit auch ungeschützten Sex mit meiner Frau. Zum „one wrong fuck“ kamen dann also noch viele weitere dazu, nur allerdings aus der falschen Perspektive. Ich Feigling setzte Gesundheit und Leben meiner Frau auf´s Spiel, aus Angst vor den Konsequenzen einer Beichte.

    Ich googelte im Verborgenen nach Risikokontakten, Ansteckungswahrscheinlichkeiten, versuchte mich zu beruhigen, hatte z.B. irgendwo gelesen, dass die Wahrscheinlichkeit, sich bei einem HIV-positiven Mann bei ungeschützem insertiven Analverkehr (ich also aktiv) anzustecken, bei 0,05 % lag. Also 5 von 10.000. Klingt wenig, aber wer würde sich freiwillig in eine Schlange aus 10.000 Menschen stellen, aus der willkürlich 5 herausgepickt und getötet werden? Und bei wesentlich geringeren Chancen gewinnt ja auch jede Woche jemand im Lotto, oder? Und überhaupt: wer stellt solche Berechnungen auf welcher fundierten Grundlage an? Für mich sah das so aus: Risikokontakt + blutende Wunde als Eintrittspforte = HIV 100%!

    In diesem Forum habe ich herausgefunden, dass Rechnen und Daumendrücken nichts bringt. Einzig ein Test bringt es heraus. Nach dem Sommerurlaub war dann endlich die Zeit gekommen, in der ein Test aussagekräftig wurde. Und dann tat ich das Notwendige: ich ging zum Arzt und ließ mich testen. Als ich ihn nach einemHIV-Test fragte, sagte er nur, ach, haben sie eine neue Freundin? Sehr vernünftig … Ich antwortete ihm, dass es nicht ganz so sei, sondern dass ich wohl einen Risikokontakt hatte und nun Gewissheit brauchte! Oh – Schweigen, betretenes Gesicht …

    Es folgten 16 Tage Hölle! Zwar war der Befund sehr schnell wieder beim Arzt, aber bis ich einen Termin hatte, dauerte es eben. Ich malte mir aus, was passieren würde, wenn der Test positiv wäre. Mein Leben wäre vorbei. Ich hatte ziemlich konkrete Vorstellungen davon, wie ich mir das Leben nehmen würde – denn meiner Frau hätte ich nicht mehr unter die Augen treten können. Und das meine ich ernst!!! Habe auch zu Beten angefangen. Und nicht mal eben so, … lieber Gott … sondern echte Zwiesprache. Habe dabei mein Fehlverhalten deutlich eingestanden und um Hilfe gefleht. Komisch, aber es hat geholfen, die Zeit zu überstehen. Am Ende kam sogar Hoffnung auf.

    „Negativ“, sagte der Arzt. Ein Wort, sieben Buchstaben. Die Rettung! Erst im Auto begriff ich, dass ich nun nicht in den großen Fluß springen oder mich vor den Zug werfen oder mit aufgeschnittenen Pulsadern vor den Brückenpfeiler rasen müsste. Ich konnte nach Hause gehen und meine Familie in die Arme nehmen und mein bisheriges zufriedenes Leben dort wiederaufnehmen, wo ich es aus Dummheit glaubte, verloren zu haben.

    Meine persönliche Erkenntnis:

    1. Es kann jedem passieren. Ich kann nicht glauben, dass zwischen eben noch an der Ampel stehen und ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit einem wildfremden Menschen keine 3 Minuten gelegen haben.
    2. Selbst wenn man erkennt, dass man Scheiße gebaut hat, macht man nicht automatisch danach das Richtige. Im Gegenteil, man reitet sich und andere vielleicht noch tiefer rein.
    3. Verdrängen bringt NICHTS! Im Internet nach der rettenden Information suchen (z.B.: „Dienstags ist das Virus faul – da kann man sich nicht anstecken!“) auch nicht! Nur der Test bringt Gewissheit. (Mir läuft immer noch ein Schauer über den Rücken)

    Ich hatte Glück! Aber ich habe meine Lehre aus dem Erlebten gezogen. Ich werde versuchen, Risikokontakte vermeiden – hätte nie gedacht, das ich je einen haben würde, aber: siehe Erkenntnis 1 … Ich hoffe, mit dieser Schilderung den einen oder anderen dazu bewegen zu können, sich und sein persönliches Umfeld besser zu schützen (siehe Erkenntnis 2). Denn vor einem Risikokontakt googeln die wenigsten, oder? Und wenn „es“ dann passiert ist, suchen die Menschen Informationen. Dabei (so wie ich auch) stoßen sie auf dieses Forum. Vielleicht hilft meine Geschichte dem einen oder anderen auf die Sprünge: Kondome schützen – auch den Partner (und damit meine ich nicht unbedingt den Geschlechtspartner des Seitensprungs, sondern insbesondere den Ehemann/die Ehefrau).

    Nach außen geht das Leben nun normal weiter. In meinem Inneren hat sich viel verändert: ich erkenne nun das Geschenk, das meine Frau und meine Kinder für mich sind! Kein noch so geiles außereheliches Erlebnis kann das aufwiegen!

    Ich hoffe, ich habe niemanden in diesem Forum vor den Kopf gestoßen oder beleidigt. Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die verantwortungsvoll mit diesem Virus leben und auch vor den Menschen, die im Wissen der Infizierung ihres Partners bei ihr/ihm sind. Vielleicht gelingt mir mit dieser kleinen (und leider) wahren Geschichte ein kleiner Beitrag, um die Ausbreitung von HIV ein klein wenig einzudämmen. (Wenn auch nur eine einzige Infektion vermieden werden kann, bin ich schon glücklich …) Ich kann nicht glauben, was ich in Wikipedia gelesen habe: es gibt anscheinend Menschen, die sog. Pozzer, die alles versuchen, sich anzustecken. Kann mir das einer erklären?

    Man sehe mir die Länge des Eintrags nach –

    Grüße

    Frido
     
  2. Marion

    Marion Administrator HIV-Symptome.de Team

    Vielen Dank für Deinen autobiographischen Beitrag!

    Der "Trend" nennt sich Bugchasing oder Pozzing und ist mehr als krank. Erklären kann man das nicht, aber es entspringt nicht dem Reich der Fabeln. Ich persönlich halte Pozzer und solche, die sich absichtlich Pozzen lassen für psychisch krank - respektive absolut unzurechnungsfähig. Mehr schreibe ich zu dem Thema aber nicht, da ich nicht möchte, dass wir hier nur noch über diesen Mist diskutieren müssen.

    LG
    Marion
     
  3. frido

    frido Neues Mitglied

    Vielen Dank für die Antwort. Ich hatte mir in meinen Alpträumen schon ausgemalt, dass der Typ an der anderen Seite des Lochs so ein "gift giver" war, dem es scheissegal war, oder der das Virus vielleicht auch bewusst weitergeben wollte.

    Und dann hat die Psyche angefangen Amok zu laufen: der hat dir bewusst mit den Zähnen eine Eintrittspforte geschaffen, damit die Viren auch erfolgreich sein können. Und so weiter und so weiter ...

    Habe Glück gehabt und kann dieses THema hoffentlich bald auch für mich innerlich abhaken. Mal sehen, wie lernfähig ich bin ...
    :roll:
    frido
     
  4. frido

    frido Neues Mitglied

    Übrigens, der Arzt hat das super gemacht. Als ich in seinem Zimmer saß, da guckte er in die Akte und sagte:"Wissen Sie, ich könnte manchmal verzweifeln mit meinen Sprechstundenhilfen. Da haben Sie nun den Termin und alles soll vorbereitet sein und dann ist der Befund nicht eingeheftet ...!"

    Wir sind dann gemeinsam in das Vorzimmer (er hat mich mitgenommen) und er suchte den Befund. Nun hat er ja schon reingeguckt und hat den Status der Tests gekannt. Anstatt nun mit hochwichtiger Miene und ernstem Blick (ich wäre gestorben ...) zurückzugehen und hinter verschlossener Tür das Urteil zu verkünden, knallt er mir den Test auf den Tresen und sagt "negativ" und deutet dabei auf die Worte "nicht reaktiv".

    In diesem Fall hat er mich also ohne Vorwarnung (man könnte auch sagen Hinhalten) aus meiner Hölle rausgeholt. Später, im Auto, war ich ihm dafür dankbar. Ich glaube, der Weg zurück in das Arztzimmer wäre vergleichbar gewesen mit dem Weg eines Gefangenen zur Hinrichtiung.

    Übrigens, da stand zweimal "nicht reaktiv" nebeneinander. Wird die Blutprobe immer doppelt getestet? Ich weiss nicht ob dieELISA oderWestern Blot gemacht haben oder was - ich sahr nur "nicht reaktiv"

    Egal - jetzt nur keine Zweifel. Inzwischen habe ich ausreichend Hintergrundwissen (DANK AN DAS FORUM HIER!!!) um ruhig zu schlafen.

    Grüße

    Frido
     
  5. AlexandraT

    AlexandraT Moderator HIV-Symptome.de Team

    Ich denke, dass einmal stand was erwartet wird und dann das Ergebnis. Wie zb. stehen würde, dass die Blutsenkung von y bis z ist und man bei Dir y gefunden hat. Aber ich kann nur Vermutungen anstellen.
     
  6. frido

    frido Neues Mitglied

    Ja - irgend so was wird es wohl gewesen sein. Ich hatte in dem Moment einen Tunelblick und war ein wenig neben mir ... :oops:

    Aber ich verspreche jetzt nicht Besserung für das nächste Mal. Ich hoffe nämlich, dass es kein nächstes Mal geben muss. Aber auch bei James Bond hiess es ja "never say never"!

    Grüße

    Frido
     
  7. AlexandraT

    AlexandraT Moderator HIV-Symptome.de Team

    Soll es ab und an geben und kann bei jedem mal vor kommen. :wink:
     
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