Jedes Jahr blickt man am Weltaidstag sorgenvoll nach Afrika oder nach Osteuropa. Asien schenkt man meistens eher weniger Beachtung. Dabei ist Indien das Land, das die zweith√∂chste Infektionsrate vorweist. Anders als Afrika und Co, tun sich Hilfsorganisationen in Indien aber sehr schwer. Der Grund ist zum einen der, dass Indien oft √ľbersehen wird. Zu gro√ü ist die Sorge um Afrika. Zum anderen ist das Desinteresse, welches Indien selbst an Aufkl√§rung, Selbsthilfe und Pr√§vention zeigt, erschreckend hoch. Ein trauriges Fazit, denn immerhin handelt es sich bei Indien auch um den weltweit gr√∂√üten Produzenten von wirkungsvollen HIV- und AIDS-Mitteln.

Davon bekommt die indische Bev√∂lkerung aber nahezu nichts zu sp√ľren. Denn hochwertige Mittel werden ausschlie√ülich ins Ausland verkauft und nur kleine Mengen kommen den eigenen Erkrankten und Infizierten zugute. Laut der weltweit t√§tigen Hilfsorganisation UNAIDS sind mittlerweile zwischen 2 und 3 Millionen Inder HIV-positiv – und die Tendenz ist eher steigend als sinkend. Denn nur etwa 10 bis 12 Prozent der Infizierten werden medizinisch beraten und betreut. Ein noch geringerer Teil kann sich hochwertige Medikamente leisten, denn der Staat stellt diese durch hohe Preise nur den Besserverdienenden zur Verf√ľgung.

Statistisch gesehen haben somit nur rund 0,12 Prozent HIV-Infizierte die M√∂glichkeit, hochwertige Medikamente und Therapien zu beschaffen. Indien will hier zwar mit einem staatlichen Programm entgegenwirken, l√§sst f√ľr dieses aber nur rund 10 Prozent der Erkrankten zu. Hinzu kommt das Problem, dass viele HIV-Infizierte nach einigen Jahren Resistenzen gegen ihren Medikamentencocktail entwickeln. In diesem Fall tut sich also ein weiteres schwerwiegendes Problem auf. Denn selbst die hochwertigen Medikamente sind nur in stark begrenzter Form und Auswahl in Indien erh√§ltlich.

HIV im Jahre 2002 Рder traurige Höhepunkt nach jahrelanger Ignoranz

Seinen ersten drastischen HIV-Aufschwung erlebte Indien 2002. Zuvor hatte man den jährlichen Neuinfektionen, die etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung entsprachen, keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Da diese aber bereits seit den 80er Jahren verzeichnet wurden, errechnete man schließlich eine durchschnittliche Infiziertenrate von 5 Millionen Menschen. Damit rutschte Indien auf den zweiten Platz der Länder der Welt, die die höchste HIV-Rate vorweisen.

Der Staat zeigte allerdings nicht viel Interesse daran, etwas zu √§ndern und investierte nur geringe Gelder in Hilfs- und Aufkl√§rungsprogramme. Diese stie√üen aber auf Gegenwehr, denn HIV und AIDS sind und waren in Indien Tabuthemen, die gemieden werden mussten. Grund ist vor allem der, dass sich HIV in Indien, wie auch in vielen anderen Teilen der Welt, haupts√§chlich durch homosexuelle Kontakte verbreitet. In Indien ist Homosexualit√§t jedoch noch heute ein absolutes Stigma, was als S√ľnde deklariert niemals offen ausgelebt oder kundgetan werden darf. Dadurch, dass die meisten Infizierten also homosexuelle Erfahrungen gemacht hatten, scheuten sie den Weg zur Hilfe und zur Aufkl√§rung. Die Angst entdeckt und ausgeschlossen zu werden, war einfach zu gro√ü.

Hinzu kam aber auch, dass Sexualit√§t an sich ein weiteres Tabuthema ist. Deshalb scheiterten Versuche √ľber Pr√§vention und Verh√ľtung aufzukl√§ren immer wieder kl√§glich. Obwohl der Staat Verordnungen aussprach, dass Lehrer √§ltere Sch√ľler und Eltern aufkl√§ren und mit kostenlosen Kondomen versorgen sollten, ignorierten diese die Neuerungen g√§nzlich. √Ąhnlich sah es mit vielen √∂ffentlichen Einrichtungen aus, die entsprechende Aufgaben und Mittel zugeteilt bekommen hatten. Einzig die wenigen tats√§chlichen HIV- und AIDS-Hilfszentren, die oft durch westliche Mediziner und Berater betreut wurden, gingen ihrer Aufgabe nach. Allerdings erreichten diese nur wenige Menschen und somit noch weniger Betroffene. Gleichzeitig kam hinzu, dass etliche ausl√§ndische Hilfsorganisationen von religi√∂sen oder ethischen Gegengruppen und teilweise sogar vom Staat behindert wurden

Beispielsweise wurden Berater, die Kondome an indische Prostituierte verteilt hatten, nicht nur mehrmals angegriffen, sondern sogar verhaftet. Helfende Frauen m√ľssen hier √ľbrigens noch heute auf der Hut sein, da gegen diese h√§ufig besonders brutal vorgegangen wird.

Der R√ľckschritt – HIV in Indien

Das alles f√ľhrte dazu, dass sich HIV in Indien in den folgenden Jahren verst√§rkt ausbreitete. 2005 war die Infiziertenrate mit rund 5,3 Infizierten auf einem weltweiten Rekordhoch. Da die Dunkelziffer nicht einzusch√§tzen war, vermuteten viele Experten sogar, dass Indien Afrika √ľberholt haben k√∂nnte und damit den inoffiziellen ersten Platz der HIV- und AIDS-Statistiken belegte. Man bekniete Indien regelrecht, den Ernst der Lage zu erkennen und zu handeln.

Damals hatte Indien die Hoffnung aber scheinbar aufgegeben und verk√ľndete, dass man seine Bem√ľhungen die Verbreitung aufzuhalten nicht verst√§rken w√ľrde. Das begr√ľndete man mit der Aussage, dass HIV nicht zu stoppen w√§re und man sich lieber auf andere Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose konzentrieren wolle. Da sich die Krankheit stark in verarmten Bezirken verbreitet hatte, folgte eine hohe Sterbewelle, der nicht nur infizierte Erwachsene, sondern auch Kinder und S√§uglinge zum Opfer fielen. 2007 war die offizielle Infiziertenrate sogar bis auf 5,7 Prozent angestiegen und Indien bestieg, wenn auch nur kurzzeitig, den traurigen ersten Platz der HIV-Statistiken.

Ob es schlussendlich am Druck von au√üen oder doch am Druck der Bev√∂lkerung lag, die langsam Interesse an Aufkl√§rung zeigte und bessere Behandlungsm√∂glichkeiten verlangte, ist und bleibt unklar. Aber die Regierung dachte scheinbar endlich um. Zwar investierte man zu Beginn nicht merklich mehr Geld in die Aufkl√§rung und Behandlung, man lie√ü die ausl√§ndischen Hilfsorganisationen jedoch etwas freier walten. Lange Zeit konzentrierten sich diese aber, wahrscheinlich auf Anraten des Staates, auf die Prostitutionsszene. Hier kl√§rte man gezielt auf und sorgte daf√ľr, dass sich viele Prostituierte der Gefahr bewusst wurden. Eine Gefahr, die nicht nur sie betraf, sondern die sie auch durch aktives Mitwirken einschr√§nken konnten. Das Konzept ging schlie√ülich auf, wenn auch nicht so gut, wie man es gehofft hatte. Aber die aufgekl√§rten Frauen nutzen ihr Wissen nicht nur, sondern gaben es an ihre Freier, an Freunde und an die Familie weiter. Dadurch wurde ein besseres Verst√§ndnis in Indien geschaffen, was HIV, AIDS und die Folgen von beiden Krankheiten betraf.

HIV in Indien – fr√ľher und heute

Nach wie vor belegt Indien den zweiten Platz der Statistiken, die aufzeigen, welche L√§nder der Welt am st√§rksten von der Verbreitung des HI-Virus und seinen Folgen betroffen sind. Und obwohl sich in Indien Einiges in den Bereichen Aufkl√§rung und Behandlung getan hat, ist die medizinische Versorgung der Infizierten nach wie vor ungen√ľgend. Dadurch erliegen jedes Jahr unz√§hlige Infizierte der voranschreitenden Immunschw√§che. Hierbei spielen h√§ufig auch andere Epidemien eine tragende Rolle, die in Indien vorherrschen – wie beispielsweise Tuberkulose oder Malaria.

Durch die Immunschw√§che sind Infizierte anf√§lliger und k√∂nnen nicht optimal behandelt und vorsorglich versorgt werden. Viele Infizierte sterben also nicht unbedingt an der Folgekrankheit AIDS, sondern an anderen Krankheiten und Beschwerden. Zudem k√∂nnen sich nach wie vor nur die wenige HIV-Infizierten oder an AIDS erkrankten Inder eine medizinische Behandlung leisten. Denn die staatlichen Mittel sind begrenzt und die Selbsttherapie, die meistens zwischen 250 und 350 Euro pro Monat kostet, ist f√ľr die indischen Gering- und Normalverdiener nahezu unerschwinglich.

Viele Inder verdienen im Monat weniger, als die Therapie kosten w√ľrde. Die hohen Kosten f√ľhren √ľbrigens dazu, dass sich haupts√§chlich M√§nner behandeln lassen. Denn in Indien nehmen Frauen und Kinder nach wie vor einen gesellschaftlich schlechteren Platz ein, weshalb die Familien eine Behandlung von diesen nicht unterst√ľtzen, selbst wenn sie finanziell machbar w√§re. Das ist einer der Gr√ľnde daf√ľr, warum der Schutz der Neugeborenen w√§hrend der Schwangerschaft in Indien nur eine erschreckend untergeordnete Rolle spielt.

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Dieser Artikel wurde von Marion zuletzt √ľberarbeitet am: 14. Oktober 2020.
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