HIV in Österreich

Im zwanzigsten Jahrhundert schienen die furchtbaren Geißeln der Menschheit besiegt. Durch unermüdliche Forschung und die Entdeckung wirksamer neuer Medikamente verloren Pest, Cholera, Gelbfieber & Co. ihren Schrecken und konnten wirkungsvoll bekämpft werden. Doch Ende des Jahrhunderts, zu Beginn der achtziger Jahre, machte eine neue Seuche von sich reden, die nun, auch mehr als dreißig Jahre nach dem ersten Aufflackern, immer noch nichts von ihrem Schrecken verloren hat: AIDS. Im Zusammenhang mit dem Begriff AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome, zu Deutsch: erworbenes Immundefektsyndrom) tauchen auch weitere Begriffe auf, nämlich HI-Virus und HIV. Wobei der Begriff HIV lediglich die umgangssprachliche Nutzung des Begriffs „HI-Virus“ darstellt, hierbei steht das „V“ für Virus.

HIV ist nicht AIDS

Wenn man gemeinhin davon spricht, dass jemand HIV-Positiv ist, so heißt das nicht zwangsläufig, dass der Betroffene an AIDS erkrankt ist, im Laufe der nächsten Zeit oder überhaupt an AIDS erkranken wird. Jede AIDS-Erkrankung wird zwar durch eine Infektion mit dem HI-Virus ausgelöst, aber umgekehrt führt nicht jede HIV-Infektion zum Ausbruch von AIDS. Das HI-Virus verursacht eine Immunschwäche deren höchste und tödlichste Form AIDS ist. Das HI-Virus wird auf unterschiedlichen Wegen übertragen. In Frage kommen ausschließlich Körperflüssigkeiten wie beispielsweise Blut, Scheidenflüssigkeit, Sperma oder Cerebrospinalflüssigkeit. Das Virus muss vom Überträger in die Blutbahn des neuen Wirts gelangen.

Mögliche Infektionswege sind dabei ungeschützter Geschlechtsverkehr, gemeinsame Verwendung infizierter Spitzen und Nadeln, Übertragung im Mutterleib und in seltenen Fällen Bluttransfusionen. Nachdem in den Anfangsjahren nach der Entdeckung des HI-Virus eine große Gefahr der Neuinfizierung durch Bluttransfusionen gegeben war, wurden seit 1985 Testverfahren für Blutprodukte gesetzlich vorgeschrieben.

Seit 2004 kommt außerdem ein Testverfahren zum Einsatz, dass das HI-Virus bereits bei ganz frischen Ansteckungen nachweist und nicht wie früher erst nach einigen Wochen. So ist das Risiko der Ansteckung durch Bluttransfusionen heutzutage verschwindend gering. Nach der Infektion ist der Betroffenen zwar HIV-Positiv, das heißt, das Virus ist in seinem Körper nachweisbar und er ist auch möglicher Überträger, aber es muss nicht zum Ausbruch von AIDS kommen. Man bezeichnet diese Zeit als Latenzphase, das Virus ist unterschwellig (latent) vorhanden, der Erkrankte hat aber keine Beschwerden oder körperliche Symptome. Diese Zeit kann durchschnittlich neun bis elf Jahre dauern, es sind aber auch Fälle bekannt, bei denen die Infektion bereits in den achtziger Jahren stattfand und es bis heute nicht zum Ausbruch der Krankheit AIDS gekommen ist, sogar ohne entsprechende Therapien. Andererseits gab es aber auch Betroffene, die nur wenige Monate nach der Ansteckung mit dem HI-Virus an AIDS erkrankten.

Die Krankheit AIDS ist unberechenbar und in verläuft in jedem Fall tödlich. Allerdings kann dem HIV-Positiven Patienten durch moderne Therapien Hilfe zuteilwerden. Beispielsweise durch die HAART-Therapie. Der Begriff steht für Hochaktive antiretrovirale Therapie und bedeutet eine Kombinationstherapie, bei der mit mindestens drei unterschiedliche antiretrovirale (= gegen das Retrovirus gerichtete) Medikamente eingesetzt werden. Das HI-Virus zählt zu den Retroviren. Mit dieser hochwirksamen Therapie kann der Ausbruch von AIDS zumindest hinausgezögert, im besten Falle jedoch gänzlich verhindert werden. Im Sprachgebrauch hat sich die Bezeichnung Kombinations-Therapie durchgesetzt, kurz Kombi-Therapie.

HIV in Österreich – auch vor der Alpenrepublik macht das Virus nicht halt

AIDS wurde als eigenständige Krankheit zwar erst am 1. Dezember 1981 erkannt, existiert allerdings schon erheblich länger. In Österreich werden bereits seit 1983 die Fälle, die für eine Untersuchung der Situation bezüglich AIDS und HIV in Österreich relevant sind, registriert und untersucht. Bei der Auswertung des Zahlenmaterials ergibt sich ein düsteres Bild. Im Jahr 2008 ergab eine Untersuchung, dass HIV in Österreich ungefähr 12.000 bis 15.000 Menschen betrifft.

Die meisten Fälle (ungefähr 50 % der Gesamtanzahl) an HIV in Österreich wurden in Wien festgestellt. Dagegen zählte man zwischen 1983 und dem 5. Mai 2003 (Stichtag der Studie) 2608 an AIDS erkrankte Personen und 1468 Menschen, die der Krankheit erlegen sind. Im Jahr 2011 hatte sich die Zahl der Todesopfer auf 1945 erhöht. Die Zahl der Neuerkrankungen bezüglich AIDS lag im Jahr 2003 bei 50, im Jahr 204 waren es bereits 65, das heißt, in diesem Zeitraum war ein Anstieg zu beobachten. Auch aus dem Jahr 2006 liegen Ergebnisse zum Thema HIV in Österreich vor. Man untersuchte die Neuinfektionen und stellte fest, dass über heterosexuelle Kontakte fast 42 % der Fälle infiziert wurden, bei homosexuellen Kontakten waren es 28,6 %, und über den intravenösen Drogenkonsum kam es in 20,5 % der Fälle zur Ansteckung.

Daraus kann man entnehmen, dass sich HIV in Österreich verlagert hat. Es ist aus dem Bereich der gemäß der landläufigen Meinung potentiell gefährdeten Randgruppen der Homosexuellen oder der Drogenabhängigen in den Alltag eingetreten. Niemand kann mehr sagen: Es betrifft mich nicht, ich bin weder homosexuell noch nehme ich Drogen. Allein schon ein einziges Mal ungeschützter Geschlechtsverkehr mit einem infizierten Partner kann zu einer Infektion führen. Die vorliegenden Zahlen lassen den Schluss zu, dass entgegen aller Aufklärungsarbeit die Gefahr noch nicht von jedem ernst genommen wird, denn sonst käme es nicht zu durchschnittlich 450 Neuansteckungen pro Jahr. Die niedrigste Zahl der Neuinfizierung wurde in 1997 gemessen, hier waren es 297 Betroffene, die höchste Zahl wurde in 2011 mit 525 erreicht. Leider sieht es so aus, als ob das Risikobewusstsein der Bevölkerung in Sachen HIV in Österreich doch nicht ausreichend ausgeprägt ist und eben daher auch das Risikoverhalten zu wünschen übrig lässt. Zunahmen der Neuansteckung seien laut einer Studie im Jahr 2011 vor allem in Kärnten und in Wien zu beobachten gewesen.

HIV in Österreich – wie man mit der Situation umgeht

Es werden in Österreich pro Jahr ungefähr 1 Million Tests durchgeführt, die das HI-Virus nachweisen, die so genannten HIV-Antikörper-Tests. Diese Tests sind sinnvoll, da eine Behandlung mit den bereits beschriebenen Therapien den Ausbruch der tödlichen Immunschwäche AIDS verzögern oder gar verhindern kann. Einer Studie aus dem Jahr 2011 ist zu entnehmen, dass trotz der relativ hohen Zahl der HIV-Neuinfizierungen nur bei rund 80 Personen pro Jahr die Erkrankung AIDS tatsächlich ausbricht. Dies ist ein deutliches Indiz dafür, dass die Behandlung sehr gute Ergebnisse erzielt. Bemerkenswert im Kampf gegen HIV in Österreich ist die „AHIVCOS“ („Austrian HIV Cohort Study“).

Diese Kohortenstudie wurde im Jahre 2001 durch Vertreter von fünf HIV-Behandlungszentren ins Leben gerufen, nämlich dem AKH Wien, dem AKH Linz, dem LKH Graz West , dem LKH Innsbruck und dem Otto-Wagner-Spital Wien. Seit 2008 beteiligen sich auch das LKH Klagenfurt und das LKH Salzburg an dem Projekt. Ziel dieser Langzeitstudie ist die gründliche Erfassung HIV-infizierter Patienten und damit verbunden die optimale Patientenversorgung. Auch soll durch vermehrte Aufklärung eine Sensibilisierung hinsichtlich des Themas HIV in Österreich bei der Bevölkerung erreicht werden. Die Arbeit der Kohortenstudie ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, da es in für HIV in Österreich keine Meldepflicht gibt, sondern nur für AIDS. Leider wird oftmals HIV in Österreich zu spät diagnostiziert. Das ist deshalb tragisch, weil die Behandlungserfolge umso besser sind, je früher nach der Ansteckung mit der Therapie begonnen wurde.

In der Praxis sieht es so aus, dass nur 20 % der Fälle innerhalb weniger Monate nach Neuinfizierung diagnostiziert werden, im Großteil der Fälle (60 %) wurde die Diagnose erst nach mehreren Jahren gestellt. Es gibt auch Fälle, die erst nach mehr als zehn Jahren erkannt werden, der Anteil beläuft sich auf 20%. In Anbetracht der Behandlungserfolge bei frischen Neuansteckungen ist dies erschreckend, denn es könnten noch weitaus mehr Menschen optimal versorgt werden, wenn die Diagnose früher gestellt würde und die HIV-Infizierung im Frühstadium bekämpft werden könnte.

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