HIV in Russland

W√§hrend in vielen afrikanischen L√§ndern, in denen noch vor wenigen Jahren die Zahl der HIV-Infizierten teilweise bei 20 bis 30 Prozent der Bev√∂lkerung lag, einen deutlichen R√ľckgang dieser Zahlen aufweisen, ist in vielen zentraleurop√§ischen L√§ndern dagegen ein Anstieg zu beobachten. Ganz besonders schwer zu k√§mpfen hat dabei Russland – im russischen Riesenreich hat sich die Zahl der HIV-Infizierten innerhalb der letzten Jahre nahezu verdoppelt, zudem steigt die Zahl der Neuinfektionen in hohem Ma√ü.

Als Grund daf√ľr kann man einerseits eine starke Tabuisierung des Themas in Russland sehen, neben der schlechten Versorgung mit Medikamenten ist aber vor allem der R√ľckzug des Globalen F√∂rderfonds zur Bek√§mpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria f√ľr die schwierige Situation verantwortlich. Nach insgesamt acht Jahren der F√∂rderung hat er seine Arbeit in Russland nunmehr eingestellt, und die wenigen vorhandenen Initiativen der NGOs in Russland k√∂nnen die notwendige Arbeit ohne ausreichende finanzielle Mittel und vor allem ohne Unterst√ľtzung der Regierung kaum bew√§ltigen. Auch bei der Behandlung von HIV-Infektionen gibt es gro√üe M√§ngel – weil einerseits nicht ausreichend Medikamente zur Verf√ľgung stehen, andererseits HIV-Infizierte aber zum Teil sogar vom staatlichen Gesundheitssystem ausgeschlossen werden.

HIV in Russland – die Zahlen

Verlässliche Schätzungen sind aufgrund der schwierigen Lage und der hohen Tabuisierung von HIV in Russland kaum vorhanden. Offiziellen Angaben zufolge hat sich die Zahl der Infizierten zwischen 2007 und 2012 fast verdoppelt Рvon 370.000 auf 703.000 Fälle. Experten der UN und von UNAIDS gehen aber davon aus, dass die tatsächliche Zahl von Infizierten möglicherweise weitaus höher liegen könnte. Insgesamt geht man dort von rund 1,2 Millionen Infizierten aus. Das entspricht bei einer gegenwärtigen Bevölkerungszahl von 141 Millionen etwa einem Wert von 1% der Erwachsenen. Das russische Föderale Anti-Aids-Zentrum meldet aktuell rund 200 Neuinfektionen pro Tag Рaber auch dieser Wert könnte aufgrund der nur schwer einzuschätzenden Situation im Land deutlich höher liegen.

Innerhalb der Drogenszene liegt die Pr√§valenz f√ľr HIV-Infektionen bei rund 37 Prozent, in den gro√üen St√§dten gehen die Sch√§tzungen sogar bis zu Werten von 75 Prozent. Bei erfolgreich durchgef√ľhrten Pr√§ventionsprogrammen, wie etwa der kostenlosen Abgabe von sterilen Nadeln an Drogens√ľchtige, kann die Pr√§valenz innerhalb der Drogenszene aber auf Werten von sogar unter einem Prozent gehalten werden, das zeigen internationale Vergleichsuntersuchungen aus anderen L√§ndern.

Rund um HIV in Russland

In Russland ist, wie in vielen anderen zentraleurop√§ischen L√§ndern auch, HIV vor allem ein Randgruppenproblem. Betroffen sind vor allem Drogens√ľchtige, Homosexuelle aber auch generelle Randgruppen, wie Menschen aus besonders von Armut betroffenen Gebieten und aus sozial schwachen Schichten. Auch unter Gef√§ngnisinsassen stieg die Zahl der HIV-Infektionen innerhalb der letzten Jahre sehr stark.

Der oberste russische Sanit√§tsrat sieht die Hauptinfektionsquelle vor allem in der Verwendung unsauberer Nadeln beim Drogenkonsum, das stimmt allerdings so nur bedingt. Auch ungesch√ľtzter Sexualverkehr und die schwierige Situation f√ľr Homosexuelle im Land d√ľrften f√ľr ein hohe Zahl von Neuinfektionen verantwortlich sein. Versch√§rfend wirkt auf die Situation vor allem, dass es kaum staatliche Programme zur Bek√§mpfung von HIV in Russland gibt. Hilfe kam seit den neunziger Jahren vor allem von au√üen, auch Geldmittel wurden vor allem aus internationalen Quellen lukriert, wie etwa vom globalen F√∂rderfonds f√ľr Aids, Tuberkulose und Malaria, der insgesamt acht Jahre lang in Russland t√§tig war.

Innerhalb des Landes geht die Initiative haupts√§chlich von kleineren Nicht-Regierungsorganisationen aus, die kaum staatliche Unterst√ľtzung erhalten. Dazu kommt, dass vor allem soziale Randgruppen wie Drogenkonsumenten, Homosexuelle und Sexarbeiter nur sehr eingeschr√§nkt Zugang zu medizinischer Versorgung haben – und damit auch nicht zu Diagnose und Therapie. In den meisten F√§llen sind gerade diese Gruppen auch f√ľr Pr√§vention und Aufkl√§rung nur schwer erreichbar.

Tabuisierung von HIV in Russland

Dazu kommt noch, dass HIV innerhalb Russlands immer noch ein Tabu-Thema ist , auch die staatlichen Gesundheitsdienste grenzen HIV-Patienten h√§ufig aus. Auch die staatlichen Sozialdienste setzen kaum Ma√ünahmen ein, die zu einer HIV-Pr√§vention dienen k√∂nnen – tats√§chlich werden international schon lange erfolgreiche Programme, wie die kostenlose Abgabe von sterilen Nadeln an Drogens√ľchtige, die Versorgung von Prostituierten mit Kondomen und Drogenersatztherapien vom russischen Staat weitestgehend abgelehnt, und auch internationale Programme, die auf solche Ma√ünahmen abzielen, weitestgehend blockiert.

Eine weitere H√ľrde vor allem f√ľr die Aufkl√§rungs- und Pr√§ventionsarbeit k√∂nnte zuk√ľnftig ein bereits in mehreren russischen Provinzen verabschiedetes Gesetz sein, das √∂ffentliche Aktivit√§ten im Bereich von „Lesbianismus, Bisexualismus und Transgenderismus“ verbietet und unter Strafe stellt – und auf die gleiche Stufe hebt wie P√§dophilie und Sodomie. Homosexualit√§t und Bisexualit√§t d√ľrfen damit auf keine Weise mehr positiv dargestellt werden. Ein offener Umgang mit Homosexualit√§t und Bisexualit√§t innerhalb der Gesellschaft wird damit enorm erschwert, und somit auch die Aufkl√§rungsarbeit und die HIV-Pr√§vention innerhalb dieser Risikogruppen auch f√ľr NGOs und internationale Programme.

Gerade bei Männern zwischen 30 und 35 Jahren hat HIV in Russland bereits epidemische Ausmaße angenommen, viele von ihnen haben dabei einen homosexuellen Hintergrund. Mit der Verabschiedung solcher Gesetze, die vor allem homosexuelle und bisexuelle Menschen in die Illegalität drängen, könnte die Eindämmung der HIV-Infektionen und vor allem die Prophylaxe auch in Zukunft noch wesentlich erschwert werden. Das Hauptproblem bleibt in Russland Рgleich wie in vielen ehemaligen GUS-Staaten Рder explodierende Drogenkonsum und die soziale Verelendung innerhalb der Bevölkerung.

Zuk√ľnftige Entwicklung der HIV-Epidemie in Russland

Zum gegenw√§rtigen Zeitpunkt verweigert der russische Staat die Durchf√ľhrung international schon sehr lange erfolgreicher Programme wie Kondomabgabe und Spritzentausch. Aus politischen Gr√ľnden werden auch NGO-Initiativen im Bereich der HIV-Pr√§vention nicht unterst√ľtzt. Der Zugang zu antiretroviralen Therapien wird weiterhin vielen Betroffenen erschwert, es stehen nach Sch√§tzungen der UNAIDS nur ausreichend Medikamente f√ľr etwa 35 Prozent der offiziell gemeldeten F√§lle zur Verf√ľgung.

Nach Einsch√§tzung von Experten wird sich die Situation auch in der nahen Zukunft kaum ver√§ndern, es wird damit sicherlich noch zu einem massiven weiteren Anstieg der HIV-Neuinfektionen und zu einer hohen Zahl von Todesf√§llen unter den HIV-Infizierten kommen. Inwieweit politischer Druck anderer Staaten auf Russland hier √Ąnderungen bewirken kann, bleibt abzuwarten, Experten rechnen allerdings damit, dass auch hier kaum ein Effekt zu verzeichnen sein wird.

Engagierte private HIV-Initiativen im Land

Die derzeit stattfindenden Aktivit√§ten in Russland sind vor allem privater Natur: so etwa wie der Sch√∂nheitswettbewerb „Miss Positiv“, der 2005 in Moskau stattfand. Die Gewinnerin des Wettbewerbs, Svetlana Izambaeva, outete sich als HIV-positiv und gr√ľndete nach ihrem Sieg einen Verein zur Unterst√ľtzung HIV-positiver Frauen in Russland, der verschiedene Projekte betreibt, und auch einen Fonds zur Projektf√∂rderung bereitstellt.

Auch der erste in Russland bekannt gewordene HIV-Infizierte, der ehemalige Milizion√§r Nikolai Panchenko, betreibt einen Verein zur „Unterst√ľtzung HIV-positiver Menschen in St. Petersburg“. Er verlor als Homosexueller seinen Posten bei der Miliz, musste eine langj√§hrige Gef√§ngnisstrafe wegen seiner Homosexualit√§t verb√ľ√üen und wendete sich danach hauptberuflich der Anti-HIV-Arbeit zu. Viele solcher Initiativen werden haupts√§chlich von internationalen Fonds und Organisationen gest√ľtzt, staatliche Unterst√ľtzungen gibt es praktisch keine, sie sind aber dennoch in kleinen Bereichen sehr erfolgreich.

Zuk√ľnftig kann man vermutlich auch noch mit einer deutlichen Zunahme solcher privaten Initiativen gegen HIV in Russland rechnen. Sie sind zum gegenw√§rtigen Zeitpunkt die einzigen wirklich erfolgreichen Anti-HIV-Programme innerhalb des Landes. Ihr Erfolg in Zukunft wird aber vor allem auch von einer ausreichenden Kapitalausstattung abh√§ngen, die von internationalen Fonds und Geldgebern kommen muss. Von der internationalen finanziellen F√∂rderung gerade solcher Privatinitiativen wird also auch zuk√ľnftig viel abh√§ngen, solange die staatlichen Gesundheits- und Sozialdienste in Russland nur sehr wenig Initiative zeigen.