Der V√∂lkermord in Ruanda, meistens Genozid genannt, sollte im Jahre 1994 ein vollkommen neues und d√ľsteres Kapitel in Ruanda schreiben. Damals wurden Millionen M√§nner, Frauen und Kinder im zentralafrikanischen Land brutal umgebracht. Das Morden h√∂rte in Ruanda aber nicht mit dem Ende des Genozids auf. Denn die, die „verschont“ wurden – meistens Frauen und Kinder -, wurden vergewaltigt, gesch√§ndet und schwer verletzt zur√ľckgelassen. Daraus resultierte nicht nur ein medizinischer Notstand, wie es ihn in Zentralafrika vorher kaum gegeben hatte – denn Ruanda z√§hlte nie zu den medizinisch fortgeschrittenen L√§ndern der Welt.

Der Genozid und die damit verbundenen Vergewaltigungen und schlechten M√∂glichkeiten die Verletzten zu versorgen, endeten in einer immensen Verbreitung des HI-Virus. Sch√§tzungsweise wurden w√§hrend des Genozids mehr als eine halbe Million Frauen und M√§dchen vergewaltigt. Knapp die H√§lfte wurde umgebracht oder √ľberlebte die schweren Sch√§digungen und Gewalteinwirkungen nicht.

Rund 70 Prozent der √úberlebenden wurden mit dem HI-Virus infiziert. Aufgrund der mangelnden medizinischen Versorgung, aber auch der mangelhaften Aufkl√§rung wegen, verbreitete sich das Virus in den folgenden Jahren weiterhin stark. Denn die meisten Infizierten, h√§ufig ohne Ahnung √ľber den HI-Virus, der in ihrem K√∂rper ruhte, steckten Partner und Kinder an. Binnen weniger Jahre war die Rate an Menschen, die in Ruanda mit dem HI-Virus infiziert waren, fast doppelt so hoch. Einige Jahre sp√§ter folgten, wieder der schlechten gesundheitlichen und medizinischen Standards wegen, die ersten Ausbr√ľche von AIDS. Denn anders als es in modernen L√§ndern, wo infizierte Menschen – sofern HIV rechtzeitig entdeckt wird – oft noch jahrelang mehr oder weniger beschwerdefrei und ohne einen Ausbruch von AIDS weiterleben k√∂nnen, blieb das Virus von den Betroffenen unentdeckt und so „unbehandelt“.

HIV in Ruanda: der Genozid

Inhaltsverzeichnis zum Thema HIV in Ruanda:

Der erste Schwung, in dem AIDS als Folge der HIV-Epidemie in Ruanda w√ľtete, machte die Menschen erst Jahre sp√§ter auf die Krankheit aufmerksam. Allerdings fehlte nach wie vor die richtige Aufkl√§rung, sodass nur die wenigsten Menschen wussten mit HIV und dem Ansteckungsrisiko umzugehen. Es folgte eine massenartige Ausgrenzung der Menschen, die nachweislich infiziert waren. Dabei zerbrachen Familien und Ehen, wobei trugschl√ľssig viele M√§nner ihre Frauen verlie√üen, um sich eine neue Partnerin zu suchen. Dabei ging man oft, da man selbst noch keine Beschwerden hatte, davon aus gesund und nicht infiziert zu sein – und steckte die neue Frau, sofern diese noch nicht infiziert war, im schlimmsten Fall ebenfalls mit dem Virus an. Denn trotz aller Hysterie und Panik waren Verh√ľtungsmittel nach wie vor Fremdw√∂rter in Ruanda.

Die Ausgrenzung der Menschen, die HIV-positiv waren, ging letztendlich sogar so weit, dass sie mit St√∂cken und Steinen aus den D√∂rfern vertrieben wurden. Gleiches galt f√ľr die Kinder von Infizierten, auch wenn diese nicht nachweislich infiziert waren. Im weniger drastischen F√§llen schloss man Infizierte zwar nicht g√§nzlich aus dem Dorf, aber meistens aus der Gemeinschaft aus. Sie wurden zu Auss√§tzigen erkl√§rt, wurden verspottet und ihres gesamten Besitzes beraubt. Den Menschen, die sich Infizierten n√§herten, erging es √§hnlich. Schlie√ülich ging man irrt√ľmlicherweise davon aus, dass man sich bereits ansteckte, wenn man HIV-positiven Menschen nur zu nahe kam.

Deshalb entwickelte sich HIV in den kommenden Jahren zum Tabuthema. Solange es einem gut ging, scherte man sich nicht darum, ob man eventuell infiziert war. Erfuhr man es, verheimlichte man es ebenso – h√§ufig sogar vor der eigenen Familie. Erst wenn es nicht mehr zu verheimlichen war und der gesundheitliche Zustand un√ľbersehbar schlecht wurde, zogen sich viele Menschen zum Sterben zur√ľck – oder sie wurden zum Sterben weggeschickt. Damals versuchten Hilfsorganisationen wie Amnesty International, die UNO und auch zahlreiche kleine Organisationen und Vereine bereits verst√§rkt der „HIV-Epidemie“, wie man sie oft nannte, Herr zu werden. Man richtete Behandlungs- und Beratungszentren ein, kl√§rte √ľber HIV und dem Unterschied zu AIDS, √ľber Ansteckungsrisiken und Ma√ünahmen zum Schutz und zur „Behandlung“ auf. Denn man kann HIV nach wie vor nicht abt√∂ten oder „heilen“, kann es mit den richtigen Wirkstoffen, Behandlungen und Vorgehensweisen aber oft daran hindern, den K√∂rper zu schnell und zu drastisch zu schw√§chen. Ebenso versuchte man infizierten Frauen bewusst zu machen, dass sie ihre ungeborenen Kinder durchaus im Mutterleib sch√ľtzen k√∂nnen. Sehr lange Zeit hielt sich das Interesse an Unterst√ľtzung, Gewissheit und Aufkl√§rung in Ruanda aber enorm in Grenzen. Zu gro√ü war die Angst, dass man durch zu gro√ües Interesse negative Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte.

HIV in Ruanda vom Jahr 2002 bis heute

Noch bis zum Jahr 2002 galt die grundlegende medizinische Versorgung in Ruanda als sehr schlecht und fortschrittlich zur√ľckgeblieben. Trauriger Weise √§nderte sich das in Ruanda erst durch die HIV-Epidemie, die sch√§tzungsweise mindestens zehn Jahre lang nach dem Genozid in Zentralafrika herrschte. Trotzdem waren an antiretrovirale Therapien in Ruanda zu Beginn der Hilfssysteme noch nicht zu denken. Diese waren schlichtweg zu teuer, wurden aber auch von der Bev√∂lkerung sehr schlecht angenommen.

Man konzentrierte sich in Ruanda also viele Jahre lang darauf, eine weitere Verbreitung des HI-Virus zu bek√§mpfen. Daf√ľr legte man viel Augenmerk auf eine gezielte Aufkl√§rung und versuchte eine m√∂gliche Infizierung zwischen einer schwangeren Mutter und deren ungeborenem Kind zu vermeiden. So konnte man damals mit relativ geringen Mitteln mehrere Tausend Neugeborene vor einer HIV-Infektion und dem h√§ufigen Todesurteil, was diese f√ľr ein HIV-infiziertes S√§ugling im medizinisch schlecht ausgestatteten Ruanda bedeuten konnte.

Dieses Konzept fand schneller Anklang als die reine Aufkl√§rung. Denn nach und nach entschieden sich immer mehr Frauen aus Unsicherheit, aber auch den kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen wegen, f√ľr ausgiebige Beratungen, Vorsorgeuntersuchungen und Behandlungen. Als einzelne Schwangere ging man also schnell in der Masse unter, was bedeutete, dass ein Besuch der Beratungsstellen schlie√ülich nicht mehr als ein inoffizielles Krankheitsgest√§ndnis galt. Da dieses Konzept in Ruanda gut ankam, weitete man die Beratungsstellen von anf√§nglich 7 in den vergangenen Jahren auf mehr als 100 aus. Au√üerdem verband man diese zentral und gezielt mit Krankenh√§usern und √ľbergreifenden Gesundheitszentren. In den folgenden Jahren sank die Scheu davor, sich beraten zu lassen

Schlie√ülich konnte man dies schnell und unkompliziert mit einem Besuch beim Notdienst verbinden. Mit der Zeit wurden die Menschen also offener und man konnte nach und nach gezielter aufkl√§ren. Dadurch konnte man den Irrglauben stark, wenn auch nicht g√§nzlich, in der ruandischen Bev√∂lkerung beiseiteschaffen. In Folge erweiterte man das Angebot der Beratungsstellen auf Schnelltests, die man anonym in diesen durchf√ľhren konnte. Ein Angebot, das zwar nur begrenzt wahrgenommen wurde, aber dennoch Wirkung zeigte. Denn viele Menschen nutzten nicht nur die Schnelltests, sondern lie√üen sich anschlie√üend ausgiebig beraten – egal ob sie HIV-positiv oder HIV-negativ waren.

Das Interesse an Verh√ľtungsmitteln wuchs ebenso, auch wenn Kondome in Ruanda nach wie vor eher selten und nur bedingt zum Einsatz kommen. Heute sind „nur“ noch rund 2,9 Prozent der knapp 11,5 Millionen Einwohnern von Ruanda nach Sch√§tzungen der Regierung und f√ľhrenden Hilfsorganisationen mit HIV infiziert. Davon sterben etwa 10.000 Infizierte pro Jahr an den Folgen der Immunschw√§che und circa 4.000 Menschen werden durch eine antiretroviral Therapie behandelt. Statistisch gesehen ist die Entwicklung jedoch ein Erfolg, denn 2002 waren noch mehr als 10 Prozent der Menschen infiziert und j√§hrlich starben etwa 50.000 Menschen an AIDS und √ľber eine halbe Million Kinder wurden durch AIDS zu Halbwaisen. Einige Helfer und Mediziner behaupten bereits jetzt, das Ruanda in Zukunft das erste afrikanische Land werden k√∂nnte, welches als wirklich aufgekl√§rt betitelt werden kann.

Hinweis f√ľr Zitate:
Dieser Artikel wurde von Marion zuletzt √ľberarbeitet am: 13. Oktober 2020.
Solltest Du einen Fehler finden, kontaktiere bitte die Redaktion.
Diese Seite darf selbstverst√§ndlich ohne R√ľcksprache zitiert werden.

Permalink zu dieser Seite (einfach kopieren & einf√ľgen) - z.B. f√ľr Zitate, Webseiten und Blogs: