Kleine oder große Alltagshürden mit HIV

Dieses Thema im Forum "Leben mit HIV" wurde erstellt von Pandine, 24. Oktober 2020.

  1. Pandine

    Pandine Neues Mitglied

    Hallo ihr lieben,

    damit ihr kurz wisst wer hier diesen Post erstellt hier eine kleine Vorstellung :)
    Ich heiße Julia, bin 22 Jahre alt seit ca 2JahrenHIV positiv und seit ca mehr als einem Jahr erfolgreich in Therapie. Nachdem das erste Jahr mit HIV für mich wohl das schlimmste meines Lebens war und ich das Leben damit schwer akzeptiert habe, geht es mittlerweile nur noch Berg auf.
    Mein engster Kreis weiß über meine Infektion Bescheid ( zumindest die meisten ) und dieses Jahr habe ich mich auch zum erstes mal getraut das ganze einen Mann zu erzählen den ich Date. Die Resonanz war „positiv“ bzw. Der Kontakt wurde nicht abgebrochen. Leider habe ich in der Vergangenheit viel Erfahrung mit mobbing gemacht, weshalb ich besonders vorsichtig geworden bin. So wurde zb über meine Infektion in WhatsApp Gruppen „gewarnt“ :( war wirklich grausam, das ganze ist Gott sei Dank aber zu 98% Geschichte!

    Um auf das eigentliche Thema zugelangen: durch diese Erfahrung habe ich natürlich immer ENORME Angst jemanden von meine Infektion zu erzählen. Jetzt stoße ich im Alltag immer wieder auf kleine Hürden, so fragt zb meine Kosmetikerin ( sie reinigt nur meine Haut, und die Geräte werden ja für jeden Kunden neu desinfiziert) bei Kunden vorher nach ob eine HIV Infektion besteht... ich verneine das... ich habe Angst davor ausgegrenzt zu werden, außerdem möchte ich nicht das ich nicht „ bestimmen“ kann wer davon erfährt. Klar hat sie Schweigepflicht, aber ich weiß selbst das dass nicht immer soooo ernst genommen wird. Natürlich habe ich trotzdem Angst, bzw. Ein schlechtes Gewissen weil ich ja HIV positiv bin.
    Ich wollte euch zu allererst fragen ob ich mich dadurch strafbar mache? Ich selbst weiß ja das kein infektionsrisiko besteht weil ich a) unter der Nachweisgrenze bin und b) steril gearbeitet wird.
    Und wir Ihr damit umgeht? Ich möchte niemanden auf den Schlips treten aber leider ist die Aufklärung ( und ich denke das wissen auch super viele hier ) bei heterosexuellen gefühlt überhaupt nicht vorhanden ist. Das soll nicht heißen das es jeder homosexuelle aufgeklärt ist, aber mir persönlich ist aufgefallen das dass Thema HIV und AIDS einfach offener besprochen wird. Als hiv positive heterosexuelle Frau hat man oft das gefühlt das der Freundeskreis immer noch denkt hiv gibt es nur bei homosexuellen ...dementsprechend beschäftigt sich auch kaum einer mit dem Thema. So steh ich sehr oft bei Ärzten ( im kosmetischen Bereich ) im Zwiespalt ob ich es mitteilen MUSS und wenn ja was passiert dann? Leider bin ich auch bei Ärzten was das Thema angeht immer sehr skeptisch... mein damaliger Frauenarzt wollte mir zb nachdem ich ihm von mir aus meine Infektion ( direkt nach dem ich davon erfahren habe ) mich nur noch die spätesten Termine vergeben... mittlerweile habe ich einen neuen Arzt der viel aufgeklärter ist und sich auch immer nach meinen Werten erkundigt...


    Sorry für den langen und vor allem wirren Text:D mir fällt es sehr oft schwer das alles in Worte zufassen.... ich war auch noch in keiner Psychologischen Behandlung... manchmal falle ich nämlich ( so wie heute ) in alte Muster und kann mir nicht vorstellen das ich hiv nicht übertragen kann:( ich denke dann immer ich wäre super ansteckend und mache mir Sorgen um nichts..

    Liebe Grüße
    Julia
     
  2. haivaupos

    haivaupos Poweruser Poweruser

    Servus Julia und willkommen bei uns :)
    Also einer Kosmetikerin, bei der Fußpflege, beim Friseur etc sage ich niemandem dass ich positiv bin. Ganz allgemein niemandem aus meinem alltäglichen Umfeld. Da das keinerlei Rolle spielt für diese Personen...
    Ärzten sage ich es. Also Hausarzt, Zahnarzt, nach einem Unfall im Krankenhaus und so. Eigentlich spielt es bei meiner Medikation ach dort keine Rolle, aber im medizinischen Bereich ist es dann doch noch mal was anderes ;)
    Das macht mein Zahnarzt auch :D:)

    Darf ich fragen wie man sich als so junge Frau infiziert? Das kommt sicher nicht so häufig vor...
     
  3. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Hallo Julia …

    … und herzlich willkommen!

    EineHIV-Infektion ist nach wie vor Mist, auch wenn sie mittlerweile gut im Griff zu halten ist … aber ich freue mich, dass Du so schnell mit der Therapie begonnen hast und sie offensichtlich erfolgreich ist! So muss das sein!

    Ich kann es leider nicht verstehen, wie immer noch zu viele Menschen immer noch auf HIV reagieren, und kann daher wiederum sehr gut verstehen, dass Du vorsichtig sein willst. Das ist auch völlig okay. Mit großer Freude habe ich aber lesen dürfen, dass Du beim »offenen« Daten gute Erfahrungen gemacht hast. Möge das so bleiben!

    Um Deine erste Frage klipp und klar zu beantworten: NEIN, Du machst Dich nicht strafbar, auch wenn das in manchen Köpfen immer noch drinsteckt. HIV gehört – wie auch alle Gesundheitsdaten (und viel mehr) – zur sogenannten »informationellen Selbstbestimmung« … und das ist ein Grundrecht, das sich aus Art. 1 und 2 des Grundgesetzes speist. Auf HIV bezogen heißt das: Du bist in keinem Moment verpflichtet, eine Infektion preiszugeben. Es mag Situationen geben, in denen ich das durchaus empfehlen würde, z. B. beim Arzt, aber auch da kannst Du es verschweigen.

    Übrigens unterliegt Deine Kosmetikerin NICHT der Schweigepflicht. Wäre das so, würde es auch für Friseure gelten … und wo käme dann der ganze Klatsch und Tratsch her? :) Also wenn sie Dich explizit nach HIV fragt, darfst Du ihr frech ins Gesicht lügen. Denn die Gewerbeordnung verpflichtet SIE, sich selbst zu schützen. Das kann und darf sie nicht auf ihre Kund:innen abwälzen.

    Du hast übrigens Recht mit der Vermutung, dass die homosexuelle Klientel offener mit HIV umgeht … aber auch nicht die gesamte. Aber als heterosexuelle Frau bist Du wirklich »am Ende der Nahrungskette« … und da müssen wir noch viele dicke Bretter bohren.

    Ich nehme an, Du hast einen Schwerpunktarzt? Frag ihn doch zukünftig, falls Du einen Facharzt brauchst. Es gibt Netzwerke von vertrauenswürdigen Ärzten, auf die man zurückgreifen kann.

    Und … leider (*scherz*) musst Du damit leben, dass Du unter der Nachweisgrenze nicht ansteckend bist. Ich gebe die paar Viren, die ich noch habe, auch nicht wieder her … ;)
     
  4. auguardoflight

    auguardoflight Bewährtes Mitglied

    @Pandine

    Hallo Julia und ein herzliches Willkommen auch von mir! :)

    Also zuallererst kann ich das was dir @matthias bezüglich der juristischen Komponenten gesagt hat nur bestätigen (einer meiner zwei Studiengänge, die ich belege, befasst sich nämlich mit den Rechtswissenschaften ;)), die Infektion gehört zu deiner „informationellen Selbstbestimmung“.
    Du wirst wahrscheinlich lachen, aber genau aus diesem Grund bin auch ich einst vor mittlerweile bald einem Jahr in diesem Forum gelandet.

    Allerdings beruhte meine Angst nicht auf einem sexuellen Kontakt, sondern auf der Angst, dass ich mich vermeintlich an einer benutzten Spritze gestochen hätte, die auf der Türklinke einer U-Bahn montiert wäre. Und das alles nur, weil an einer meiner Fingerkuppen ein kleiner roter Punkt war, aus dem, nachdem ich stundenlang darauf herumgenagt bzw. herumgekratzt hatte (schlechte Angewohnheit von mir wenn ich unter Stress stehe bzw. bei einer Prüfung scharf nachdenke) nach starkem pressen ein Tropfen Blut rauskam. Sehr wahrscheinlich war das ein noch ein Überbleibsel meiner letzten Lebenssaftspende vom selben Tag, aber das wollte mein Gehirn damals warum auch immer nicht begreifen.

    Und schwupps, das Phobiekarussell nahm volle Fahrt auf und ich war wirklich kurz davor durchzudrehen vor lauter Angst.

    Aber Gott sei Dank bin ich dann hier in diesem Forum gelandet, wo ich wirklich aufgeklärt wurde und meine Ängste sich in Luft auflösten (da ich hier gelernt habe, dass der einzige weitere Übertragungsweg neben ungeschütztem Sex das gemeinsame Benutzen von Spritzen beim intravenösen Drogenkonsum ist, es also darum geht, dass man sich „die Scheiße schon aktiv in die Venen knallen muss“). Und somit bei mir: Keinerlei Risiko, sondern nur komplett paranoide Gedanken.

    Und als ich einen kurzen „Rückfall“ hatte wurde ich Gott sei Dank u. a. von @matthias , @AlexandraT und @devil_w (den beiden „Spritzenexpertinnen“ hier) mit klaren, drastischen Ansagen zurechtgewiesen.

    Und schließlich habe ich beschlossen, dass ich etwas zurückgeben will und bin daher weiterhin dabeigeblieben und mittlerweile erweiterter Teil des Beratungsteams (ganz nebenbei sind die Stammuser hier auch ziemlich cool :):cool:).

    Ich weiß du fragst dich jetzt bestimmt, warum ich dir meine Geschichte so ausführlich darlege, aber ich denke ich war ein perfektes Beispiel dafür dass (wie du richtig sagst) das ThemaHIV bzw. STI‘s insgesamt vor allem bei den Heterosexuellen noch immer viel zu wenig beachtet wird (obwohl es so immens wichtig wäre, da jeden von uns diese Thematik betrifft!).

    Und ganz wichtig: Du bist toll so wie du bist und bestehst nicht ausschließlich aus diesen drei Buchstaben! Du bist immer noch ein vollwertiger Mensch mit all seinen Bedürfnissen, Träumen und Wünschen. :)

    Falls du dich vllt. bei einer potentiell nächsten „dunklen Phase“ neben dem Forum hier auch eine videotechnische Inspiration bzw. Kraftquelle brauchst, kann ich dir die YT-Kanäle von „Lexi Gibson“ und „Raif Derrazi“ sehr ans Herz legen. Beide beschreiben dort ihr Leben mit dem Virus und geben auch einen tiefen Einblick darin, wie sie die Freude am Leben wieder gefunden bzw. sich aus den dunklen Löchern befreit haben. :)
     
  5. auguardoflight

    auguardoflight Bewährtes Mitglied

    Ich stelle mal hier die passende Bohrmaschine zur Verfügung. :);)
     
Die Seite wird geladen...
  1. Unser HIV Forum nutzt Cookies. Details zur Nutzung von Cookies auf unseren Seiten findest Du hier und unter "Weitere Informationen":

    Information ausblenden