Auch Angst

Dieses Thema im Forum "Infektion" wurde erstellt von fear, 23. Juni 2012.

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  1. fear

    fear Neues Mitglied

    Liebe Community,

    ich erzähl jetzt einfach mal meine Geschichte – von der ich nicht weiß, wie sie ausgeht. Es gibt allerdings eine Vorgeschichte, die ich für erwähnenswert halte (nicht, weil ich mich so super finde, sondern weil sie etwas über mich erzählt – und auch das muss bzw. möchte ich irgendwie loswerden).

    Ich war Leistungssportler und ich bin Alkoholiker. Ich bin heute etwas älter als 30, bis zu meinem 25 Lebensjahr habe ich einen bestimmten olympischen Sport ziemlich professionell betrieben. Seit ungefähr 6 Jahren kämpfe ich mit Depressionen und Alkoholismus, so dass ich meine sportliche Karriere irgendwann aufgeben musste. Ich habe aber auch studiert, und auch einen Abschluss geschafft. Egal, dass ist nicht wichtig, aber jedenfalls lebe ich im Kern seit Jahren ein Doppelleben, das beides verheimlicht: Meinen Alkoholismus und meine Depressionen.

    Der Grund für meine Nachricht an dieses Forum ist der Folgende: Durch o. g. Krankheiten und Doppelleben, habe ich kein normales Sexleben aufbauen können. Keine Partnerschaft und nichts. (Auch) durch diesen Umstand bin ich zu einem regelmäßigen Puffgänger geworden. Es war für mich so einfacher (bzw. ich habe es als einfacher empfunden), dort Sex zu haben. Und nein, ich habe dort niemanden betrogen, es ging immer nur um Sex. Aber auch das stimmt nicht ganz. Denn ich hatte ein „Stammbordell“, in dem man sich unterhalten –, „Händchen-Halten“ – bzw., Kuscheln konnte. Ich habe das genossen; es war ja auch der einzige Ort, an dem ich körperlich intim sein konnte, ohne mich (vermeintlich) zu blamieren. Ich kam gut aus mit den Damen, war immer höflich und „gentlemen-like“. Ich denke, die Damen haben mich irgendwie gemocht. Auch, weil es mir immer (auch) um das Gespräch ging.

    Aber natürlich ging es auch um sex. Man sieht mir den Alkoholismus auch (noch) nicht an. Im Gegenteil, ich habe zwischendurch ziemlich distinguierte Positionen bekleidet, die mich – warum auch immer – irgendwie zu einem „guten Kunden“ gemacht haben.

    Jedenfalls war ich vor ca.7 Wochen mal wieder in dem Bordell. Zunächst habe ich mich mit den Damen – wie immer – nur unterhalten. Dann aber auch besoffen, was nicht so sinnvoll war. Eine der Damen hat mich dann in ihr Zimmer gebeten; ich habe dem gerne Folge geleistet; es war wie immer.

    Wir hatten Sex. Es wurde was wilder und sie hat mich richtig (mit Zunge) geküsst (wir hatten uns eben gut verstanden). Wir haben Oralverkehr gehabt und dann Vaginalverkehr. Das war zunächst – natürlich – mit Kondom.

    Warum auch immer, sie hat mir das Kondom irgendwann abgestreift, mein Glied genommen und es in sich eingeführt. Ich kann mich an diesen Moment sehr gut erinnern. Trotz allen Suffs, ich wusste und habe bemerkt, dass jetzt etwas "anders" ist. Doch trotz meiner Skepsis wollte ich irgendwie weitermachen. Und leider habe ich das auch. D. h. ca. eine Minute habe ich ungeschützten Verkehr gehabt, bis ich eben gekommen bin.

    Der Morgen danach war furchtbar und meine Angst vorHIV – deswegen bin ich ja hier – wuchs. Ich habe mich versucht damit zu trösten, dass

    a) die Anzahl der HIV-Positiven Prostituierten genau so gering ist, wie die Anzahl der HIV-Positiven Frauen in der ganzen Bundesrepublik;
    b) Dass, HIV-Positive i. d. R sehr verantwortungsbewusst mit der Krankheit umgehen. D. h., selbst wenn diese Dame positiv ist, hat sie es nicht gewusst und wollte sicher niemanden anstecken, schon gar nicht einen Kunden.
    c) Selbst wenn sie positiv ist und dies gewusst hat, einiges Pech dazu gehört, tatsächlich angesteckt zu werden.

    Dass mich keiner falsch versteht, ich selbst bin verantwortlich für diese Unsicherheit. Ich weiß auch, dass ich mich so schnell wie möglich wieder testen lassen werde (Als Alki wohl erst nach 12 Wochen). Und ja, ich habe in der Vergangenheit Tests durchführen lassen (alle Ergebnisse negativ). Ich weiß auch, dass selbst dann – wenn mich ein positives Ergebnis erwartet – jedenfalls nicht diese Dame „Schuld“ daran ist. Das bin ich selbst im Fall der Fälle.

    Im Sinne von Wahrscheinlichkeiten (einer Ansteckung) könnt ihr mir wohl nicht helfen. Ich hatte eben einen Kontakt, der landläufig als „risikobehaftet“ gilt. Ich werde hier auch nicht in Pathos verfallen und sagen, „nie wieder Bordell“. Das kann ich ebenso wenig versprechen, wie „nie wieder etwas zu trinken“ (Nicht, dass ich das nicht gerne versprechen würde, es geht aber realistisch nicht so einfach).

    Ich weiß nur, dass mein Problem – wie auch immer ein Testergebnis ausfallen mag – nicht mit meiner Neigung zu Puffbesuchen zusammenhängt, sondern mit meiner Trinkerei, die ein normales Sexleben eben nicht zulässt. Gestern war ich zum ersten Mal seit langem wieder bei den Anonymen Alkoholiker; es hat gut getan!

    Sollte ich positiv sein, weiß ich noch nicht, was ich machen werde. An dieses Forum sei nur eines gesagt. Nach Jahren voller Suff und Einsamkeit, habe ich mir ernsthaft um mich Sorgen gemacht. D. h., ich habe gesehen, dass es der Alkohol ist, der mich leichtsinnig macht (ich meine wiederum nicht die moralische Seite des Bordell-Besuchs, sondern die Tatsache, dass „eben fünfe mal Gerade sein lassen“ echt scheiße ist, wenn man ein mit Leuten Sex hat, die man nicht kennt.. Solche oder ähnliche Geschichten werden immer geschehen, wenn ich nicht „trocken“ werde. Wie gesagt, damit meine ich jetzt nicht die moralische Seite, nur diejenige des „nicht Aufpassens“.

    Diese Geschichte wollte ich hier posten. Zum einen, weil es mich erleichtert, sie zu schreiben, zum anderen, weil sich vielleicht auch andere damit identifizieren können. Das mit den vielen gerissenen Kondomen, glaube ich einfach nicht.
     
  2. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Hi Fear,

    danke für die ausführliche Geschichte. Leistungssport und Depressionen scheinen gelegentlich eng miteinander verwoben zu sein - siehe Robert Enke. Ich kann mir schon vorstellen, dass sich dieses »ständig funktionieren«-Müssen sehr auf die Seele legt. Andererseits kenne ich etliche Leute (mich eingeschlossen), die Alkohol trinken, um abschalten zu können. Bei mir ist es die dauernd eingeforderte Kreativität wie es bei Dir wohl das am-körperlichen-Limit-Leben war/ist. Ich habe allerdings mittlerweile festgestellt, dass es viele andere schöne Dinge gibt, die beim Abschalten helfen. Trotzdem trinke ich natürlich nach wie vor gerne mein Bier ...

    In der Tat hattest Du einen »Risikokontakt«, aber das sagt nichts über die Wahrscheinlichkeit einer Infektion aus. Die wesentlichen Punkte, um ruhig ans Thema heranzugehen, hast Du bereits angeführt ... hinzu kommt noch, dass die Übertragung Frau -> Mann erheblich schwerer ist als umgekehrt. Insofern - wenn ich mir die »Papierform« so ansehe - halte ich eine Infektion für unwahrscheinlich. Trotzdem kann Dir genaue Auskunft und Gewissheit letztlich nur ein Test geben, den Du nach mindestens 8 ... in Deinem (Alkohol-Gewöhnungs-)Fall eher nach 10 - 12 Wochen machen solltest.

    Wenn Dir die AA gut getan haben, solltest Du regelmäßig hingehen. Aber wichtiger wäre es, die Ursache zu ergründen - und nicht nur an den Symptomen des Alkoholge- oder -missbrauchs herumzudoktorn. Hier wäre vielleicht ein Sportpsychologe eine gute Adresse ... eventuell hast Du ja noch Kontakte aus Deiner aktiven Zeit. Alkohol löst Probleme nämlich nur vorübergehend, um sie dann größer wieder zurückkehren zu lassen.

    Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du eine Lösung findest, die Dich in eine »normale« Lebensfunktion zurückführen können!
     
  3. Mircstar

    Mircstar Bewährtes Mitglied

    Undd was ich ergänzen möchte :

    Respekt für die offenheit!

    Und du scheinst das problem ja zu erkennen. ´Das ist viel wert und du scheinst auf den richtigen weg zu kommen.

    Ich wünsche dir alles gute!
     
  4. fear

    fear Neues Mitglied

    Vielen Dank Euch beiden!

    Auf Sportspychologen habe ich eigentlich keine Lust mehr. Da ging es nur darum, wie man funktioniert, auch wenn man nicht mehr kann. Das habe ich Jahre durchgehalten und ist das Problem dieser Disziplin, auch wenn sie für die wirklichen Leistungssportler natürlich eine Berechtigung hat.

    Klar gehe ich zum Test. Werde es aber erst nach Ablauf der 12 Wochen tun, sonst würde ich eh nicht mit einem ja noch möglichem negativen Ergebnis klarkommen (Zweifel würden dann wohl eh bleiben). Und ich würd auch jedem hier auf den Sack gehen, ob denn ein Test nach 9, 10, 11, oder 11,5 wirklich sicher ist.

    Ich hab auch jedes vermeintlicheHIV-Symptom googlen müssen und Dank Euch gebe ich jetzt erst mal nichts drauf. Angespannt bin ich, weil ich immer angespannt bin. Durchfall habe ich auch manchmal, weil ich schlecht esse. Wenn ich mehr esse, ist auch alles wieder normal.

    Ich werd hier posten, wenn ich mein Ergebnis habe

    Mir geht es trotz aller Rationalität sehr schlecht. Es hat mir aber viel gebracht, dieses Forum hier zu lesen. Danke.
     
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