Warum haben viele HIV Patienten, die in Behandlung sind, Durchfall?

Der richtige Zeitpunkt fĂŒr den Beginn einer antiretroviralen Therapie (ART) ist umstritten. Oft setzt die ART mit dem Auftreten von Krankheitssymptomen bei HIV-Infizierten ein. Die Therapie kann die AIDS-Symptome beseitigen und das Immunsystem vor einer schweren SchĂ€digung schĂŒtzen. Durch die Behandlung wird verhindert, dass sich das HI Virus weiter vermehren und in gesunde Zellen eindringen kann.

Heute mĂŒssen wĂ€hrend einer Therapie nicht mehr bis zu 20 Tabletten pro Tag eingenommen werden. Bei den modernen Medikamenten genĂŒgt die Einnahme von ein bis zwei Kapseln tĂ€glich. Einige PrĂ€parate sind auch injizierbar oder trinkbar. Nur durch die vorschriftsmĂ€ĂŸige, regelmĂ€ĂŸige ZufĂŒhrung der verordneten Medikamente kann man die Therapie zum Erfolg fĂŒhren und Nebenwirkungen, wie Durchfall (Diarrhoe), in den Griff bekommen. Die heute gebrĂ€uchlichen Medikamente lassen sich in verschiedene Substanzklassen unterteilen: Reverse-Transkriptase- Hemmer, Protease-Hemmer, Integrase-Hemmer und Fusionshemmer.

Durchfall (Diarrhoe) infolge der Medikamentierung

Reverse Transkriptase.ist eins der drei SchlĂŒsselenzyme des HI Virus. PrĂ€parate, die zu den Reverse-Transkriptase- Hemmern gehören, richten sich gegen dieses Enzym, sodass sich das Virus nicht vermehren kann. Auch Proteasen sind fĂŒr die Virusvermehrung unentbehrlich, sie verwandeln die unreife Virusvorstufe in das reife HI Virus. Proteasehemmende PrĂ€parate können das verhindern. Integrase ist das dritte HIV-SchlĂŒsselenzym. Es ist wie die beiden anderen fĂŒr die Vermehrung des HI Virus essentiell. Dieses Enzym integriert virale DNA in die Wirts-DNA im Zellkern. Deshalb stoppen Integrase-Hemmer ebenfalls die Vermehrung des HI Virus. Fusionshemmer verhindern den Eintritt des HI Virus in eine gesunde Zelle.

Falls wÀhrend der medikamentösen Behandlung DurchfÀlle auftreten, kann das daran liegen, dass das verordnete Medikament einen Wirkstoff enthÀlt, zu dessen Nebenwirkungen Magen- und Darmbeschwerden sowie DurchfÀlle zÀhlen. Das trifft bei den Reverse-Transkriptase- Hemmern auf ein Medikament mit dem Wirkstoff Etravirin, bei den Integrase-Hemmern auf ein Medikament, das den Wirkstoff Raltegravir enthÀlt und bei den Fusionshemmern auf ein PrÀparat auf Basis des Wirkstoffs Maraviroc zu.

Die meisten Wirkstoffe, deren ZufĂŒhrung der Grund fĂŒr DurchfĂ€lle sein kann, sind in proteasehemmenden Medikamenten enthalten. Dabei handelt es sich um die sieben Wirkstoffe Tipranavir, Saquinavir, Nelfinavir, Fosamprenavir, Atazanavir, Darunavir und Ritonavir. (Vgl. Deutsche AIDS-Hilfe e.V., Liste der antiretroviralen Medikamente, 2. September 2008)

Durchfall aufgrund des geschwÀchten Immunsystems

Wegen der schnelle Anpassung des HI Virus an neue Medikamente und der möglicherweise daraus folgenden Resistenz gegen einzelne von ihnen, wird es oft notwendig, die ART in eine HAART ĂŒberzufĂŒhren. WĂ€hrend dieser Therapiemethode, die 1996 eingefĂŒhrt wurde (vgl. British HIV Association, HIV Medicine, Professor B.G. Gazzard: „Management of protozoal diarrhoea in HIV disease“), wird eine Kombination aus mehreren Medikamenten angewendet. Durch gleichzeitige ZufĂŒhrung von bis zu sechs verschiedenen PrĂ€paraten wird die Wahrscheinlichkeit der Resistenz des Virus gegen die Behandlung stark verringert. Doch die Gefahr anfĂ€nglicher Magen- Darmbeschwerden, verbunden mit DurchfĂ€llen, erhöht sich.

Diese Beschwerden treten besonders zu Beginn einer hochaktiven antiretroviralen Therapie auf. Zu diesem Zeitpunkt sind die Nebenwirkungen der Medikamente bei den ohnehin durch die Krankheit geschwĂ€chten Patienten besonders stark. Zudem besteht fĂŒr den Körper, der die Medikamente noch nicht gewöhnt ist, die Gefahr zusĂ€tzlicher Infektionen, die ebenfalls zu DurchfĂ€llen fĂŒhren können. 50 Prozent der HIV-Patienten leiden unter DurchfĂ€llen. (vgl. Medicine Journal, Juni 2004, Professor Brian Gazzard: „AIDS and the gastrointestinal tract“) Vor allem bei HIV-Patienten, bei denen die Krankheit AIDS bereits ausgebrochen ist und sich in einem fortgeschrittenen Stadium befindet, sind DurchfĂ€lle eine hĂ€ufige Begleiterscheinung. (Vgl. Clinical Investigator, Prof. Dr. Peter / Dr. Rump: „Treatment of diarrhoea in human immunodeficiency“)

Sobald sich eine positive Wirkung der HAART einstellt, verringert sich auch die Gefahr von DurchfĂ€llen. Deshalb ist alles zu vermeiden, was den Erfolg der Behandlung infrage stellen könnte. Dazu gehören die unregelmĂ€ĂŸige Einnahme der Medikamente und falsche oder mangelhafte ErnĂ€hrung. Wegen des angegriffenen Immunsystems sind oft 3.000 Kalorien pro Tag nötig.