Psyche, Schuldgefühle und ein Risikokontakt

Dieses Thema im Forum "HIV Phobie" wurde erstellt von Nachtregen, 5. Juni 2021.

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  1. Nachtregen

    Nachtregen Neues Mitglied

    Hallo zusammen,

    ich habe in den letzten Wochen durch passives Mitlesen sehr viel Hilfe in diesem tollen Forum hier bekommen und möchte nun gerne etwas zurückgeben, in der Hoffnung, dass es auch dem ein oder anderen hilft. Vorab: ich bin männlich, heterosexuell, Anfang 30 undHIV Negativ.

    tldr: Kurzes ungeschützes Eindringen mit Kontakt zum Periodenblut einer Fremden. Fast alle Symptome, die man so finden kann. Viel Recherche und Panikmache, angetrieben durch Schuldgefühle. Acht richtig beschissene Wochen. HIV Negativ.
    Wer die Details wissen möchte und sich in einer ähnlichen Situation befindet, kann gerne weiterlesen. Alle anderen natürlich auch.


    Ich hatte eigentlich schon mein ganzes Leben lang einen großen Respekt vor HIV. Ich bin in den 90ern mit der Musik von Queen aufgewachsen und wurde somit schon als Kind relativ früh mit Freddy Mercury und seiner Erkrankung "konfrontiert". Von daher war ich praktisch immer auf der Hut, habe mich informiert und entsprechend geschützt. Vor und nach jeder festen Beziehung gab es immer einen Test für beide Partner und es war praktisch immer alles unter Kontrolle. Das ein oder andere Mal war ich sicherlich auch eher übervorsichtig.

    Nun war es so, dass ich mich nach einer langen Beziehung und auch durch die Corona-Einsamkeit motiviert, mal wider bei Tinder angemeldet habe. Ich lernte eine Frau kennen, bei der mir von Anfang an klar war, dass viel zu viele Dinge nicht stimmen und nicht passen. Ich habe mich aber trotzdem zu einem Treffen überreden lassen. Das schreibe ich nun nicht, um die Frau vorab schonmal schlechter dastehen zu lassen, sondern weil es meiner Meinung nach eine wichtige Grundlage für das Gedankenkarussell war, das später folgte.

    Es kam bei dem Treffen zum geschützen Verkehr, aber vermutlich durch Wein, Müdigkeit und eventuell auch mangelnde Lust, wollte es nicht so richtig funktionieren. Sie entfernte also das Kondom und wollte sich ungeschützt draufsetzen, um praktisch für mehr Motivation zu sorgen. Meine Einwände beantwortete sie damit, dass sie die Pille nimmt (erste Red Flag). Darauf, dass es mir primär um Krankheiten geht, antwortete sie dann damit, dass sie das sonst nie macht, sie ja vorher lange verheiratet war und sie bestimmt nichts hat (zweite Red Flag). Fragt mich nicht warum, aber ich ließ mich unter "Protest" dann doch auf ein kurzes Eindringen ein. - Wie ich mittlerweile hier durch euch lernen durfte, stellt das bei wenigen Sekunden ein zu vernachlässigendes Risiko dar, aber man sollte es natürlich trotzdem nicht machen. - Wir beendeten den Sex dann weiterhin geschützt. Als wir im Anschluss das Licht einschalteten kam allerdings der große Schock: Das Bett war voller Blut. Offenbar war die Periode einen Tag länger als erwartet. Für mich war es tatsächlich ein tiefer Schock und ich dachte mir "Das war's dann jetzt wohl." Ich war in dem Moment extrem sauer, dass sie mir nicht gesagt hat, dass sie am Tag zuvor noch ihre Periode hatte, aber die Wut wurde dann sehr schnell von der Panik abgelöst.

    Das Ganze trug sich am Morgen eines Feiertages zu, also kein guter Tag, um ohne große Vorkenntnis schnell an eine PEP oder einenHIV-Test zu kommen. Ich hatte den gesamten Tag mit Recherchen verbracht und somit dann beschlossen, am Abend ins Uniklinikum zu fahren. Die Dame kam dankenswerterweise mit. Wir hatten nach dem Verkehr relativ offen kommuniziert und sie hatte mir erzählt, dass sie zwei Wochen vorher für wenige Minuten ungeschützen Verkehr ohne Ejakulation hatte und offenbar auch von ihrem Exmann betrogen worden war. "Na super..." dachte ich mir.
    In der Notaufnahme sagte man uns dann, dass die PEP nur Sinn machen würde, wenn einer von uns beiden einen sehr ausschweifenden Lebensstil pfelgen würde, aus dem Subsaharagebiet kommen würde oder ich entweder homo- oder bisexuell wäre. Von einemHIV Schnelltest wusste die (junge) Ärztin erst gar nichts.

    Nach dem Gespräch mit der Arztin war ich halbwegs beruhigt, da ich bis zu dem Punkt quasi alles in meiner Macht stehende getan hatte, um eine mögliche Infektion noch abzuwenden und die PEP quasi von höherer Stelle abgelehnt wurde.
    Am Samstag machte die Dame dann einenHIV Heimtest, den ich am Feiertag noch in einer Notdienst-Apotheke bestellen und am Tag darauf dann abholen konnte. Ergebnis negativ und somit erstmal wieder einigermaßen beruhigt, allerdings ist das ja bloß der Status von 12 Wochen vor dem Test. Interessant bzw. erschreckend fand ich allerdings die Tatsache, dass keine der drei oder vier Notdienstapotheken in meiner Großstadt HIV Tests vorrätig hat.

    Ab diesem Punkt, also etwas weniger als 48 Stunden nach dem Kontakt ging dann die wirkliche Leidensgeschichte los und die ersten "Symptome" traten auf. Es ging los mit Schmerzen am Kiefer und am Ohr, also genau da, wo Lymphknoten sitzen. Es folgte ein ständiges Abtasten und Kontrollieren, allerdings war die ganzen Wochen über nie etwas geschwollen, sondern es schmerzte nur. Die Schmerzen wanderten dann die Seitenstränge runter und landeten dann in den Achselhöhlen. Das Immmunsystem war also offenbar mit irgendwas beschäftigt. Nun ging die Recherche los, wann denn überhaupt Symptome auftreten und welche. Einige offizielle Stellen sprechen von wenigen Tag bis zu zwei Wochen, andere von 3 Tagen bis 6 Wochen. Die Auflistung der Symptome auf den entsprechenden Seiten ist in solchen Fällen auch wirklich nicht hilfreich, aber das wisst ihr hier im Forum ja selbst.
    Es kamen nach und nach mehr Symptome hinzu: Halsschmerzen, grundlose Hitzeschübe in Verbund mit Schweiß, Schmerzen in Arm und Handgelenk, eine leicht gräulich belegte Zunge, eine brennende Mundhöhle und so weiter. Fieber allerdings trat nie auf - immerhin! Diese letzten Wochen lebte ich irgendwann tatsächlich in dem Bewusstsein, HIV Positiv zu sein und mich damit jetzt abfinden zu müssen. Das schlimme daran war für mich weniger die Krankheit selbst, sondern die Stigmatisierung, die damit einhergehen würde. Partnersuche, Outing in der Familie und im engsten Freundeskreis, ... Alles hatte ich schon durchgespielt.

    Ein wichtiger Punkt bei den ganzen Gedanken, die ich mir gemacht habe, war, dass die Frau und der Sex für mich keinerlei Bedeutung hatten. Es war quasi vollkommen unnötig, nicht besonders lohnenswert und ich hätte mich bei einem Menschen angesteckt, mit dem ich nicht wirklich viel zu tun haben will und den ich klar ablehne. Also unterm Strich ähnlich wie bei vielen Nutzern hier, die jemanden betrogen haben, oder bei einer Prostituierten waren. Man wartet förmlich auf eine Art Bestrafung für das, was man gemacht hat. Vermutlich deshalb, weil man selbst eine Strafe angemessen finden würde.
     
  2. Nachtregen

    Nachtregen Neues Mitglied

    In der Zwischenzeit hatte ich dieses Forum hier gefunden und war praktisch jeden Tag damit beschäftigt verschiedene Threads zu lesen und nach Fällen zu suchen, die vergleichbar zu meinem und vorallem auch vergleichbar zu dem der Dame waren.
    Für mich stand fest, dass durch den Blutkontakt ihrHIV Status im Prinzip auch mein HIV Status ist. An meinem Kontakt gab es quasi nichts schön zu reden und ich konnte mich da auch nicht mit Wahrscheinlichkeiten abspeisen. Dadurch kam ich mir unglaublich machtlos vor.
    Sie wusste über die Krankheit und auch über die Übertragunswege nicht wirklich Bescheid und konnte mich nicht wirklich beruhigen. Ich suchte also nach Fällen mit kurzem ungeschützten Verkehr, fand einige Threads, die mich beruhigen konnten und somit konnte ich mir dann quasi ganz gute Chancen ausrechnen, dass sie doch negativ ist und ich somit auch. Allerdings waren immer noch die Symptome da und haben mich jedes Mal erneut runtergezogen. Schließlich mussten die ja irgendwo her kommen und zwei Tage nach dem Konakt ist ja schon höchst verdächtig. Außerdem bin ich sonst ja nie krank. Alles Sachen, die ihr hier schon ettliche Male lesen konntet.

    Sie hatte sich mittlerweile bereit erklärt, einen Labortest bei ihrer Ärtzin zu machen. Dies ging natürlich erst vier Wochen später, da zwei Wochen zuvor ihr anderer ungeschützter Verkehr war. Unfassbar lange vier Wochen, in denen ich mich extrem zurückgezogen habe, nichts produktives geschafft habe, einen runden Geburtstag in der Familie nicht genießen konnte und allgemein einfach eine gefühlt sehr niedrige Lebensqualität hatte.
    Nach vier Wochen war es dann soweit und sie bekam ihr negatives Ergebnis. Leider beruhten die 6 Wochen Wartezeit bei ihr nur auf einer Schätzung und somit gab es immer noch Restzweifel. Es waren also entweder 41 oder 48 Tage, aber dennoch war ich ab dem Zeitpunkt sehr beruhigt und meine Symptome verschwanden für kurze Zeit. Sie kamen nach wenigen Tagen wieder und halten bis heute vereinzelt noch an. Dadurch kamen dann auch wieder leichte Zweifel auf. Könnte es sein, dass sie quasi-infiziert war, also Kontakt zum Virus hatte, ihr Immunsystem es abgewehrt hatte, ich mich dann aber blöderweise innerhalb dieser ersten zwei Wochen, bei ihr angegesteckt habe? Ganz schön blödes Gedankenkonstrukt.
    Anmerkung an dieser Stelle: Ihre Hausärztin sagte ihr vor dem Test, dass sie sich eigentlich keine Gedanken machen braucht, solange ihr Kontakt nicht homosexuell oder drogenabhängig war. Mal abgesehen davon, dass die Aussage rein inhaltlich schon krass ist, hätte ich erwartet, dass die Beruhigung des Arztes eher über die Art des Kontaktes und die entsprechende Wahrscheinlichkeit gehen würde. Also all die Sachen, die hier im Forum ausführlich geklärt werden.

    Um die Geschichte zum Abschluss zu bringen: Ich habe meinen Test Ende letzter Woche inkl. aller sonst wie übertragbaren Krankheiten machen lassen und habe diese Woche mein negatives Ergebnis bekommen. Ich bin nun also vollends beruhigt und weiß noch nicht so richtig, wie ich die letzten Wochen einordnen soll. Ich kann mich einerseits ärgern, mir die Wochen so versaut zu haben. Anderseits habe ich in dieser Zeit sehr viel über HIV gelernt und kann es auch einfach Lektion verbuchen. Vermutlich wird es irgendwas in der Mitte.
    Weitere Anmerkung: Mein Test war nun 8 Wochen nach Kontakt und der Hausarzt sagte mir, dass die Sicherheit da schon sehr gut sei. Es gäbe allerdings auch Fälle, in denen HIV erst nach drei Monaten nachgewiesen werden könne. Ich könnte das gerne in Erwägung ziehen, falls ich trotz negativem Ergebnis doch noch nicht ganz davon los kommen würde. Soweit ich weiß, stimmt das mit den drei Monaten allerdings nur, wenn die Person stark Alkoholkrank ist oder Cortison nimmt. Vielleicht könntet ihr dazu nochmal kurz was Aufklärendes sagen.

    Was ich für mich mitgenommen habe und den anderen Nutzern und vorallem den stillen Lesern gerne mitgeben möchte, die sich jetzt gerade in einer ähnlichen Situation befinden, wie ich es die letzten Wochen tat:
    • Schuldgefühle gegenüber anderen und auch sich selbst können hier eine sehr große Rolle spielen
    • Die Psyche kann einen mächtig austricksen
    • Googelt nicht und verstrickt euch nicht in irgendwelche vermeintlich logischen Gedankenkonstrukte
    • Ihr seid nicht die medizinische Ausnahme
    • Es gibt keine Symptome
    • Es gibt keinen Ansteckungsautomatismus

    Ich möchte mich bei allen Nutzern bedanken, die hier ihre Erfahrungen teilen und täglich immer wieder die gleichen Fragen beantworten! Namentlich sind das für mich vor allem Matthias, Alexandra und Lottchen, bei denen ich mich bedanken möchte. Ihr habt mir in den letzten Wochen wirklich sehr geholfen.

    Abschließende Frage: Was würdet ihr abseits von Spenden empfehlen, wenn ich mich gegen die Erkrankung und vor allem auch gegen die Stigmatisierung engagieren möchte? Bereits vor meiner aktuellen Geschichte war ich immer wieder darüber erschrocken, wie wenig viele Mitmenschen über HIV wissen und wie lax sie teilweise damit umgehen.
     
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