Neu infiziert, gelassen aber doch voller Fragen

Dieses Thema im Forum "Leben mit HIV" wurde erstellt von dad58, 15. Juli 2014.

Status des Themas:
Es sind keine weiteren Antworten möglich.
  1. dad58

    dad58 Neues Mitglied

    Hallo aus Bayern,

    nachdem ich in den vergangenen Wochen Euere Beiträge mit Interesse gelesen habe, habe ich mich heute auch angemeldet um über dieses Forum Austausch mit anderen Betroffenen zu pflegen. Ich habe mich entschieden - zumindest derzeit - den Kreis der Eingeweihten so klein wie möglich zu halten und so ist dies eine Chance zum Dialog.

    Ich bin ein 55jähriger Vater einer erwachsenen Tochter, der vor 7 Jahren seine Frau verlassen hat um schwul zu leben. Nach turbulenten Monaten und Jahren haben wir es geschafft wie beste Freunde miteinander umzugehen. Meine Tochter stand von Anfang an zu mir.

    Im Rahmen eines Gesundheitschecks beim Hausarzt hatte ich im Mai auch aufHIV testen lassen. Am 18. Mai dann der Besuch des befreundeten Arztes. Um ihm den Kloß aus dem Hals zu nehmen, fragte ich ihn zur Begrüßung HIV? Ich kann mich an eine Risikosituation nicht erinnern, hatte aber so eine Ahnung, nachdem mit den ersten Werten die HIV Werte nicht gleich da waren. Das positive Ergebnis wurde durch einen zweiten Test in einer Schwerpunktpraxis bestätigt.

    Einzig an diesem Sonntag Abend hatte ich das was man einen Moralischen nennt - warum ich hab ich mich gefragt. Schon am Montag habe ich dann den Termin beim Schwerpunktarzt und bei der Beratungsstelle der AIDS-Hilfe gemacht - in einer anderen Stadt aus Gründen der Diskretion - und für mich beschlossen, die Infektion anzunehmen, da ich ohnehin keine Alternative hätte. Nur kurz keimte Hoffnung auf, der zweite Test könnte negativ sein, was er schließlich nicht war.

    Bei einer Viruslast von 34.000 und 290 Helferzellen riet der Arzt zum Beginn der Therapie, die am 5. Juni erfolgte. Keine nennenswerten Nebenwirkungen bei Eviplera und nach 3 1/2Wochen lag die Viruslast bei 119 und die Helferzellen bei 377, was ich als schnellen Erfolg werte.

    Im August werde ich an einem Wochenende mit Gleichgesinnten teilnehmen und wünsche mir dort Gesprächspartner zu treffen.
    So weit so gut.

    Warum bin ich nicht verzweifelt, warum so gelassen? Wo doch auf der Arztrechnung stand: Erörterung einer lebensverändernden Situation.
    Dabei denke ich im Alltag und auch in meiner Freizeit oft gar nicht an HIV. Jogis Jungs dürften daran auch Anteil haben.

    Mein erster Freund, mit dem ich vor sechs Jahren neun Monate zusammen war war HIV positiv. Ein GR-Kontakt, ein erstes Date und es hat gefunkt zwischen uns. Wir waren beide sehr verliebt. Beim zweiten Treffen als schon klar war, dass wir etwas Festes draus machen möchten, hat er mit Freitag Abend unter Tränen reinen Wein eingeschenkt. Damals war ich extrem aufgewühlt und konnte meine Gefühle nicht sortieren. Wir lagen noch lang in den Armen in dieser Nacht, redeten und ein Satz von ihm ist mir heute noch sehr präsent: Wenn du Dich mit jemandem einlässt, denn du nicht kennst, musst du dich schützen. Das müssen wir auch. Die Frage der Ansteckung bei Viruslast unter der Nachweisgrenze war da grad ganz neu.
    Am nächsten Morgen musste ich in meine Stadt zur Arbeit fahren und M. ließ mich mit der Frage allein, ob ich denn am Abend wieder käme. Noch wusste ich es nicht. Der Tag war nicht sehr produktiv, kreißten doch alle meine Gedanken nur um ein Thema. Herz und Verstand lieferten sich einen harten Kampf und am Ende siegte die Liebe und ich fuhr abends zu ihm. Dass es dann doch nicht auf Dauer klappte, hatte nichts mit der Krankheit zu tun. die konnte ich nach einigen Monaten völlig ausblenden.

    Ich denke, dass ich Euch damit schon die Antwort gegeben habe auf die Frage, was macht mich so gelassen. Ich habe ein Leben mit HIV aus nächster Nähe begleiten dürfen und bin heute dafür dankbar. Vielleicht ist das auch ein Beitrag zu den vielen Themen zu Beziehungen mit Postiven.

    Und jetzt zu den Fragen: Die erste, mit wem ich über die Infektion sprechen würde, habe ich fürs erste beantwortet. Mit niemandem, denn es bringt mir nichts und die Menschen, die mit am nächsten stehen - Tochter, Mutter, Ehefrau - würde ich nur in Angst und Schrecken versetzen. Möglich, dass sich diese Frage anders beantworte, sollte eines Tages die Viruslast nachhaltig unter der Nachweisgrenze bleiben und ich kann ihnen sagen, dass ich nicht ansteckend bin.

    Für die zweite muss ich etwas ausholen. Der einzige Mann, mit dem ich nach Monaten der Beziehung, einem zurückliegenden Test bei mit und seiner glaubhaften Aussage, ich sei sein erster Mann, ungeschützt verkehrte, ist S., von dem ich mich vor gut einem Jahr getrennt hatte.
    Wegen unschöner Dinge hatten wir ein Jahr lang keinerlei Kontakt. Wenn auch die Ärzte sagen, ich müsse gar niemanden informieren, wenn ich nicht möchte, fühlte ich doch die Verantwortung es ihm zu sagen und ihn zum Test zu bewegen. Also fuhr ich hin. Viele Tränen ... und am nächsten Abend kam ich wieder um den jungen Mann (32) zum Test zu begleiten. Da ich nach wie vor keine Ahnung habe, wie und wo ich mich angesteckt hatte, konnte ich es nicht ausschließen, dass es schon vor unserer Beziehung war.
    Um es kurz zu machen, S. ist negativ. Statt sich zu freuen weinte er - um mich. Ich war erleichtert und überglücklich - für ihn.

    Wir haben uns in der Folge ein paar Mal getroffen, Wochenenden zusammen verbracht und sind uns nahe gekommen. Seine Unbefangenheit ist verblüffend. Unser Geheimnis - wie ich es nenne - hat uns freilich sehr zu einander geführt. Mehrfach habe ich ihm aber gesagt, dass wir keine Basis für eine Beziehung haben, bleiben doch die Trennungsgründe von damals.

    In meiner neuen Lebensituation wäre es das bequemste, den Weg mit dem Menschen zu gehen, der so bedingungslos akzeptiert, was sich verändert hat. Nicht die Gefahr zu laufen, sich zu verlieben und zurückgewiesen zu werden. Aber wäre er nicht der nächst beste? Dass ich mich im Moment sehr wohl fühle in seiner Gegenwart macht mir die Sache nicht leichter. So muss ich versuchen unsere Begegnungen zu dosieren, so lange ich für mich nicht klarer bin.
    Ich freue mich auf das Wochenende im August mit anderen Positven.

    Luxusprobleme - ich weiß. Vielleicht kann die/der ein oder andere etwas für sich lesen. Das Leben ist schön!

    Dad58
     
  2. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Hallo dad58 ...

    ... und herzlich willkommen, auch wenn der Anlass ja nicht so schön ist.

    Ich bin von Deinem Post sehr angetan, das fängt beim Titel an und zieht sich durch bis zum Ende. Gelassen zu reagieren, ist in einem solchen Moment wohl das Schwierigste, was man sich vorstellen kann – aber auch der einzig richtige Weg. Denn man kann eh nichts ändern.

    Ich freue mich zu lesen, dass Deine Frau und Du es geschafft haben, die schwierige Situation zu meistern; auch wenn es lange gedauert hat: Es ist wichtig, denn auch das »frühere« Leben ist Teil der eigenen Geschichte. Und dass Deine Tochter zu Dir steht, ist toll.

    Der frühe Beginn der Therapie war wirklich sinnvoll, wie die Werte beweisen. mach' weiter so!

    Der Austausch mit Gleichgesinnten kann auf jeden Fall helfen – trotzdem wäre es sicher gut für Dich, wenigstens einen Vertrauten in Deiner direkten Umgebung zu haben. Er oder sie muss dazu gar nicht positiv sein. Wenn Du den Kreis der »Eingeweihten« möglichst klein halten willst, ist das Deine ureigenste Entscheidung. Niemand zwingt Dich zum Outing ... und Du solltest auf jeden Fall die Hoheit über Deine persönlichsten Dinge behalten.

    Dass Du im ersten Moment einen »moralischen« gekriegt hast, ist nachvollziehbar ... nur die Frage »Warum? Warum ich?« sollte man schnellstens abhaken, da es eh keine zufriedenstellende Antwort darauf gibt. Mehr noch – es gibt GAR keine.

    Wenn Dein (Ex-)Freund nach Deinem Resultat geweint hat, halte ich das für zweischneidig. Natürlich ist es ein Schock ... aber es wie beim Coming-Out: Die Leute, denen man davon erzählt, haben größere Probleme mit dem Wissen darum als man selbst. Kunststück - für sich selbst hatte man das Wissen ja schon vorher.

    HIV ist heute nix mehr zum Weinen (klingt jetzt brutal, ist aber so). HIV ist nach wie vor großer Mist, aber dank der Dreierkombi so gut behandelbar, dass Auswirkungen im täglichen Leben so gut wie nicht mehr spürbar sind.

    Du hast - nach meinem Dafürhalten - mit Deiner Entscheidung, trotz Frau und Kind zu Deiner (offensichtlich lange zurückgehaltenen) sexuellen Disposition zu stehen, schon einen so großen Schritt gemacht, dass darin sicherlich der entspanntere Umgang mit der Infektion zu finden ist.

    Behalte Deinen Optimismus - das Leben ist wirklich schön :)
     
  3. dad58

    dad58 Neues Mitglied

    Positiv denken

    Danke, Matthias, für Deine Zeilen.

    Es ist schon so, dass Optimismus und gute Nerven mich schon mein Leben lang begleiten. Und sicher hilft mir das in meiner neuen Situation.

    Auch die Erfahrung als Negativer bewusst eine Beziehung mit einem Positiven einzugehen ist heute wertvoll.

    Ich freue mich auf einen lebhaften Austausch, hier und in anderen Gesprächsrunden.

    Liebe Grüße
    das58
     
Die Seite wird geladen...
Status des Themas:
Es sind keine weiteren Antworten möglich.
  1. Unser HIV Forum nutzt Cookies. Details zur Nutzung von Cookies auf unseren Seiten findest Du hier und unter "Weitere Informationen":

    Information ausblenden