HIV positiv und Sex mit F+

Dieses Thema im Forum "Leben mit HIV" wurde erstellt von AnnaSophie92, 22. November 2020.

  1. AnnaSophie92

    AnnaSophie92 Neues Mitglied

    Hallo ihr Lieben,

    ich bin weiblich und habe vor 6 Tagen die DiagnoseHIV positiv bekommen (dieses Jahr infiziert). :(

    Nun habe ich eine moralische Frage bzgl. Sex, mich interessiert eure Meinung dazu ...

    Für mein "reines" Gewissen müsste ich eigentlich warten, bis die Virenlast unter der Nachweisgrenze ist, um wieder Sex zu haben (F+ oder ONS).

    Findet ihr es moralisch vertretbar, wenn sich eine frisch infizierte Person mit nichtwissenden Sexpartnern trifft, um Sex zu haben - hier sei zu erwähnen, dass es bei dem Treffen keinen Geschlechtsverkehr geben würde, sondern nur Petting und OV. Hier bin ich soweit informiert, dass eine Übertragungswahrscheinlichkeit ausgeschlossen bzw. sehr gering jst. Wie seht ihr das?
     
  2. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Hallo Anna Sophie,
    das ist keine Frage von Moral. Eigentlich verbietet es der »gesunde Menschenverstand« … allerdings habe ich, nachdem ich 1994 meine Diagnose bekommen habe, auch Sex »ohne Ansage« gehabt. Das ist rechtlich möglich – siehe »informationelle Selbstbestimmung«. Aber es bedeutet gleichzeitig, dass Du jederzeit die Kontrolle haben musst. Nun ist die Übertragungswahrscheinlich von Frau -> Mann geringer als umgekehrt, aber darauf verlassen würde ich mich in solchen Situationen nicht darauf.

    Es gibt aber in diesem Zusammenhang zwei Probleme, über die Du Dir im Klaren sein musst:

    1.) Sexuelle Kontrolle über Männer zu behalten, ist unglaublich schwer, wenn sich der Trieb erst Bahn bricht. Das geht nicht gegen die Männer, sondern soll nur die Gefahr aufzeigen, dass Männer eher bereit sind, über Grenzen zu gehen … Grenzen, die z. B. vereinbarte Sexualpraktiken sein können.

    2.) Juristisch gesehen, hast Du – wenn es zu einer Übertragung kommt – die A*schkarte gezogen. Nach wie vor ist die Weitergabe der Infektion eine Körperverletzung im Sinne des § 224 StGB … wenn man weiß, dass eine Infektion vorliegt und trotzdem ungeschützten Sex betreibst. Inwieweit die Verwendung z. B. eines Kondoms, dass aber kaputt geht, anders gesehen wird, hängt immer vom Richter ab. Und vor Gericht und auf hoher See befinden wir uns alle in Gottes* Hand.

    * oder wessen auch immer
     
  3. AnnaSophie92

    AnnaSophie92 Neues Mitglied

    Lieber Matthias,

    Danke für deine schnelle Rückmeldung!

    Leider habe ich bisher nur wenige Informationen bezüglich der Nachweisgrenze und der Viruslast gefunden. Du kannst mir doch bestimmt aus deiner Erfahrung sagen, ab wann die Werte unter der Nachweisgrenze sind. Ich hatte bisher nur ein Gespräch mit einem Onkologen, er nannte einen Zeitraum von vier bis sechs Monaten, + 6 Monate "Kontrollzeitraum". Kannst du diesen Zeitraum bestätigen?
     
  4. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Im Regelfall sinkt in der Tat die Viruslast innerhalb von drei bis sechs Monaten nach Therapiebeginn unter die Nachweisgrenze. Das muss aber regelmäßig (ab jetzt immer alle 3 Monate) kontrolliert werden. Ein Onkologe ist da nicht der richtige Ansprechpartner … du brauchst einen Allgemein- oder Inneren Mediziner mit Zusatzausbildung Infektiologie. Das wäre jedenfalls ideal.

    Solltest Du keinen kennen, kannst Du hier: http://www.dagnae.de rechts oben unter »Ärztesuche« Deine Postleitzahl eingeben und findest jemand in Deiner Nähe. Oder Du fragst die AIDS-Hilfe in Deiner Nähe.
     
  5. auguardoflight

    auguardoflight Bewährtes Mitglied

    @AnnaSophie92

    Erstmal ein herzliches Hallo und herzlich willkommen hier (auch wenn der Anlass natürlich alles andere als schön ist).

    Hast du denn bereits Kontakt zu einem Schwerpunktarzt aufgenommen? Denn dort werden alle notwendigen Checks gemacht und du kannst schnellstmöglich mit der Therapie beginnen (um den Viren, wie du schon richtig angemerkt hast, ordentlich in den Allerwertesten zu treten).

    Um nun näher auf deine Frage einzugehen:

    Ich enthalte mich hier meiner Stimme, da wir alle hier nicht dafür da sind, andere Leute moralisch zu verurteilen. Du musst hier selber entscheiden mit was du dich am wohlsten fühlst.

    Was ich aber aus deinem Posting bzw. eher aus dem Ton, in dem du es verfasst hast, herauslese, scheinst du selber mit dir zu ringen.

    Wie es @matthias dir bereits sehr ausführlich erklärt hat: Diese Medaille hat 2 sehr unterschiedliche Seiten und du hast vor allem juristisch wirklich keine guten Karten, sollte es zu einer Übertragung kommen (v.a. dann, wenn man sich der Lust dann doch zu sehr hingeben sollte und man dann ungeschützten Sex hat). Denn wie Matthias schon sagte: Männer neigen eher dazu, Grenzen zu übertreten, was z. B. Sexualpraktiken betrifft.

    Vllt. wäre es einmal für den Beginn besser das du die Infektion erst einmal „sacken lässt“ und dich (wie du es bereits tust, indem du hier ins Forum gekommen bist :)) informierst.

    PS: Für seriöse Informationen ist nicht nur dieses Forum eine exzellente Quelle, sondern auch die beiden Bücher, die @matthias zum ThemaHIV geschrieben hat. ;)
     
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  6. AnnaSophie92

    AnnaSophie92 Neues Mitglied

    Danke für eure Rückmeldungen, ich bin in einer onkologischen Praxis, mit SchwerpunktHIV. Dort wurde mir schon jede Menge Blut abgenommen und die Medikamente werde ich dann aller voraussicht nach Mitte Dezember bekommen.
     
  7. auguardoflight

    auguardoflight Bewährtes Mitglied

    @AnnaSophie92

    Als Nachtrag noch:

    Da du ja deine Infektion im Ausgangsposting auf dieses Jahr eingegrenzt hast nehme ich an das du sehr konkret sagen kannst wo diese ihren Ursprung hat...Hast du denn die Möglichkeit, die entsprechende Person (ich weiß es natürlich nicht, aber ich nehme mal sehr stark an, das es zu ungeschütztem GV kam) zu kontaktieren (sofern du es nicht eh schon getan hast)?

    Ganz wichtig: Ich möchte keinesfalls in irgendeiner Form indiskret sein bzw. dir zu nahe treten (sofern du das vllt. denken solltest). Ich denke nur sofern du die Quelle kennst bzw. noch Kontakt zu ihr hast, solltest du sie verständigen. Der läuft ja ansonsten weiterhin durch die Gegend, ohne von seiner Erkrankung zu wissen.
     
  8. AnnaSophie92

    AnnaSophie92 Neues Mitglied

    Ich möchte mich dazu hier nicht weiter äußern. Ich hoffe auf dein Verständnis.
     
  9. auguardoflight

    auguardoflight Bewährtes Mitglied

    Natürlich, selbstverständlich. Ich habe ja bereits klargestellt, das ich dir keinesfalls in irgendeiner Form zu nahe treten möchte.

    Auf jeden Fall alles nur erdenklich Gute und ganz viel Kraft für die kommende (sicherlich sehr schwere) Zeit! :)

    Und pass weiter auf dich auf (Corona ist ja leider noch immer omnipräsent)! :)
     
  10. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Da braucht es kein Verständnis – es ist Dein gutes Recht (»informationelle Selbstbestimmung«).

    Was @auguardoflight aber sicherlich meint: Wenn es eine Möglichkeit gibt, diejenige Person, die Dich angesteckt hat, darüber zu informieren, um auch ihr die Möglichkeit zu geben, eine Behandlung aufzunehmen, solltest Du darüber nachdenken, es zu tun. Nur jede erkannte Infektion kann benhandelt werden.

    Du musst das allerdings nicht mehr kommentieren. Es ist – wie gesagt – Deine freie Entscheidung, was und wie Du es tust. Oder lässt.

    Da fällt mir nur eine ein, in einer südwestdeutschen Stadt mit ungewöhnlichem Straßenbild. Den Arzt dort schätze ich ungemein*. Aber auch darauf musst Du nicht antworten … ;)

    * Ich habe lange für die dagnä gearbeitet und kenne daher viele deutsche HIV-Schwerpunktärzte auch persönlich.
     
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  11. auguardoflight

    auguardoflight Bewährtes Mitglied

    Danke dir für die Klarstellung Matthias, genauso und nicht anders habe ich es gemeint (vllt. habe ich mich auch teilweise missverständlich ausgedrückt gehabt).

    Aber wie du sagst und was ich auch selber schon klargestellt habe: Was auch immer getan wird oder nicht getan wird, entscheidet die TE selber, und nur sie selber!

    Genau dafür haben wir in einem Rechtsstaat die „informationelle Selbstbestimmung“.
     
  12. haivaupos

    haivaupos Poweruser Poweruser

    Das sind die "Regeln" nach EKAF. So in etwa zumindest. Das kannst du auch gerne googeln, also EKAF :cool:
    Moral ist etwas recht persönliches und individuelles. Was für den oder die eine(n) moralisch vertretbar und völlig in Ordnung ist, bedeutet für den/die andere(n) eine Katastrophe und unterste Schublade...
    Also ist das eine Entscheidung die du nur selber treffen kannst.
    Grundsätzlich ein löblicher Gedanke und eine gute und faire Sache.
    Habe ich auch so gemacht. Habe meinen, naja, "Infizierer" auch informiert, mit ihm gesprochen und ihn damit konfrontiert. Ist ganz anders ausgegangen als ich es erwartet hätte.
    Er war (tat) sehr einsichtig, hat sich sogar entschuldigt und ein paar Tränen gedrückt. Zum Arzt oder Test ist er trotzdem nicht gegangen. Der har wahrscheinlich noch ein paar Jahre herumgevögelt bevor er mit heftigen Auswirkungen ins Spital gekommen ist und dann endlich diagnostiziert und behandelt wurde :mad::confused:o_O:rolleyes:
     
  13. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Auch das gehört zur informationellen Selbstbestimmung.

    Übrigens – @AnnaSophie92 – EKAF heißt »Eidgenössische Kommision für Aidsfragen« … und diese hat 2008 ein Statement herausgegeben über die Nichtinfektiösität bei Therapie, das anfänglich hoch umstritten, dann heiß diskutiert und mittlerweile zum anerkannten Standard geworden ist.
     
  14. haivaupos

    haivaupos Poweruser Poweruser

    Natürlich. Mittlerweile ist mir das auch tatsächlich völlig wurscht :oops:
    Damals hat es mich schon belastet, beschäftigt. Nicht, dass er sich nicht testen hat lassen. Sondern die Hilflosigkeit die ich empfunden habe in dieser Situation. Mir wurde von verschiedenen Seiten sogar nahe gelegt ihn anzuzeigen. Das kam für mich allerdings niemals in Frage...
     
  15. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Wichtiger Punkt. Ich werde von den Schülern oft gefragt, ob ich denjenigen denn angezeigt oder zumindest mit ihm gesprochen habe. Letzteres ging nicht, weil ich erst zwei Jahre nach dem vermuteten Abend meinen Test gemacht hatte und gar nicht mehr wusste, wer oder wo der war – ich lebte ja mittlerweile woanders – und Ersteres kam auch bei mir nicht in Frage. Begründung: Ich hätte mich selbst schützen können, also trage ich auch selbst einen Teil der Verantwortung.

    Nota bene: Von »Schuld« rede ich übrigens in dem Zusammenhang nicht und weise den Begriff wie auch die Bedeutung grundsätzlich zurück.
     
  16. AnnaSophie92

    AnnaSophie92 Neues Mitglied

    Ach vielen Dank für diese informativen Beiträge, insb. die EKAF!

    Die Diagnose ist ja noch sehr frisch bei mir, deswegen z.B. das Gedankenspiel mit dem Sex ohne Geschlechtsverkehr bei "Nichtwissenden". Man muss sich damit erstmal auseinandersetzen.
     
  17. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Nimm Dir Zeit. Und löcher uns … ;)
     
  18. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Nach einer Mütze voll Schlaf möchte ich Dir eine Frage stellen. Du musst allerdings nicht darauf antworten. Du hast vor sechs Tagen Deine Diagnose erhalten und denkst schon an Sex. Ist das …
    • … ein Versuch, die Diagnose zu verdrängen, indem man »business as usual« macht?
    • … das Zeichen dafür, dass Du schon mit einer Diagnose gerechnet hast und quasi ein wenig »vorbereitet« warst?
    • … ein Zeichen von Akzeptanz des Unabänderlichen, so nach dem Motto »Hinfallen, Aufstehen, Mund abputzen, Weitermachen«?
    EineHIV-Diagnose ist medizinisch heute etwas völlig Anderes als vor 30 Jahren. Aber sie macht immer noch etwas mit Einem. Ich würde Dir wünschen, dass es der dritte Punkt ist, und Du die Infektion schon so schnell einfach so akzeptieren kannst, wie sie ist.

    Trotzdem solltest Du Dich darauf gefasst machen, dass es immer wieder mentale Rückschläge geben wird. Wir sind im Fall des Falles für Dich da. Auch, wenn Du über Dinge sprechen (schreiben) möchtest, über die Du im Moment lieber Stillschweigen bewahren willst. Reden bzw. sich öffnen kann helfen. Wenn Du das möchtest.

    Und an dieser Stelle hätte ich gerne ein »Daumen hoch!«-Smiley. @Marion
     
  19. AnnaSophie92

    AnnaSophie92 Neues Mitglied

    Ich bin ein sehr reflektierter Mensch und Punkt 3 trifft zu. :)

    Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, habe eine falsche Entscheidung getroffen und muss diese Diagnose annehmen und akzeptieren. Aufgrund meiner Symptomatik hätte es auch Krebs sein können, insofern ist es für mich in Ordnung, "einfach nur eine Pille zu schlucken"… abgesehen von dem Stigma, was faktisch ja vorhanden ist, wenn man es denn jemandem erzählen würde, aber auch hier werde ich dann einfach aufklären..

    Was jetzt vielleicht für den einen oder anderen etwas befremdlich klingen mag, ich habe einfach große Lust auf Sex. Und für mich jetzt gerade nicht so einfach vorzustellen, sechs bis zwölf Monate warten zu müssen, bis ich wieder Sex mit jemandem haben kann. Und hier sei noch mal erwähnt, dass es mir nicht um Geschlechtsverkehr geht. Na ja und falls sogar der Richtige käme für etwas dauerhaftes ( in den nächsten Wochen), finde ich die Situation gerade einfach etwas schwierig.
     
  20. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Gratuliere. Sehr schön. Sehr gut. Ich hoffe, dass das auch weiterhin so bleibt. Und vor allem wünsche ich es Dir. Übrigens: Bei mir war es grundsätzlich gar nicht unähnlich, sieht man mal davon ab, dass es damals noch keine Tabletten gab und ich etwa 18 Monate gebraucht habe, um zu de Einstellung zu kommen. Das wurde mir dann im Freundeskreis auch mal als »Du nimmst das viel zu leicht« vorgeworfen. Was nicht stimmt. Aber geholfen hat mir diese Form des Umgangs sehr. Sonst wäre ich heute vermutlich nicht dort, wo ich bin.

    Was den Sex betrifft: No problem. Auch in meinem hohen Alter (*smile`) lässt das Verlangen nicht nach (auch wenn ich mir hiermit im Forum einen »Lustmolch!«-Kommentar einhandeln werde. Das ist aber witzig gemeint, keine Sorge). Zudem ist Sexualität ein Grundbedürfnis, also nix, worüber man groß nachdenken muss.

    Trotz allem: Wenn Du Fragen hast, her damit. Dafür sind wir da.
     
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