Einfach nur beschissen!

Dieses Thema im Forum "AIDS-Forum" wurde erstellt von einfachich, 21. April 2012.

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  1. einfachich

    einfachich Neues Mitglied

    Hallo ihr lieben,
    ich hatte heute Nacht einfach eine schlimme Nacht und muss mir einfach mal meinen Frust und meine Trauer von der Seele reden.

    Heute war mal wieder auf einer Beerdigung eines Aidsopfers und ich bin fix und fertig.

    Kurz zu meiner Vorgeschichte. Ich bin 20 Jahre alt und weiblich und studiere in Frankfurt. Selbst bin ich Heterosexuel und habe kein Aids. Meine Eltern sind beide Homosexuell. Sie haben vor 22 Jahren gemeinsam in Paris gearbeitet ,waren schon Ende 30 und haben sich entschieden, dass das Leben und das viele erarbeitete Geld ohne Kind keinen Sinn hat. Kurz um, nach relativ kurzer Zeit waren ihre Bemühungen erfolgreich und ich ward geboren.

    Meine Mutter kehrte als ich 3 Jahre alt war mit mir nach Deutschland zurück, da meine Mutter Heimweh hatte und sich in Deutschland besser Selbstständig machen konnte. Mein Vater ein Franzose blieb dort da er ja seine eigene erfolgreiche Werbeagentur hatte. Kurz um ich hatte eine glückliche binationale Kindheit mit einem einjährigen Auslandsaufenthalt während meiner Schulzeit bei meinem Vater in Paris.

    Eigentlich ganz glücklich könnte man meinen, wäre da nicht Aids. Die Krankheit ist ein ständiger Teil meines Lebens auch ohne, dass ich oder meine Eltern infiziert wären.

    Den ersten lieben Menschen verlor ich mit sechs Jahren. Mein Patenonkel und Mitinhaber der Werbeagentur meines Vaters. Er war manchmal mein Babysitter und hat mich in den Schlaf gesungen. Auf dem Video das gedreht wurde als ich und meine Mutter nach Deutschland zurückkehrten sieht man wier er in Paris zusammen mit meinem Vater vor der Agentur stand und sich beim Abschied die Augen ausweinte.

    In den folgenden Jahren starben immer wieder Menschen aus meinem Umfeld an Aids.
    Die beste Freundin der Lebensgefährtin meiner Mutter, sie war Konditorin und hat mir viele Jahre meinen Geburtstagskuchen gebacken.
    Zwei der coolsten Kerle die es auf der Welt gab. Sie hatten für meine Mutter als Werbetexter gearbeitet und waren ewig ein Paar. Als Kind brauchte ich Mittags keinen Fernseher denn ich konnte rüber in die Agentur meiner Mutter und den beiden beim streiten zusehen. Sie sind sehr kurz nacheinander gestorben, ich denke sie konnten ohneeinander einfach nicht leben.

    Ich weiss nicht wie viele Menschen aus meinem Umfeld genau an Aids gestorben sind aber es sind erschreckend viele und das trotz der heutigen Therapiemöglichkeiten. Wenn ich dann die sorglosigkeit meiner Freunde sehe könnte ich kotzen. Aber das ist ein anderes Thema.

    Heute war also wieder Beerdigung. Francois war ein klasse Kerl. Ein echter französischer Mann wie ihn nur ein Deutscher Kitschroman skizzieren würde. Er besaß das Restaurant im Haus in dem mein Vater sein fast 30 Jahren wohnt. Im Quartier de la Monnaie war er eine Institution. Wenn ich am Wochenende oder in den Ferien bei meinem Vater war, haben wir oft bei ihm gegessen. Ich bin währen meins Auslandsjahr nie nach Hause gekommen ohne ihm durch die Fensterfront zu zuwinken. Er kämpfte schon seit den 80ern gegen Aids und am Montag hat er den Kampf verloren.

    Die Beerdigung war ok, es waren viele da, da er wie gesagt sehr beliebt war. Sein langjähriger Lebensgefährte war schon vor einigen Jahren gestorben. Der Pfarrer war echt lustlos und hat die Beerdiung nach Schema F heruntergspult. Mein Vater meinte, das wäre ok, denn Francois wollte die religiöse Zeremonie nur wegen seiner beiden Schwestern.

    Nach der Beerdiung gings noch zum Leichenschmauss ins Restaurant. So gegen 10 heute abend war die Sache dann beendet und ich bin mit meinem Vater hoch in seine Wohnung die sich ja im gleichen Haus befindet.

    Mein Vater ist kurz danach ins Bett und schläft tief und fest. Ich aber kann nicht schlafen. Irgendwie bin ich voll fertig. Ich muss die ganze Zeit an all die lieben Menschen denken, die schon gestorben sind.

    Ich wollte mich ablenken und bin die DVD Sammlung meines Vaters durchgegangen und habe mich fatalerweise für "It´s my Party" und "Longtime Companion" entschieden. Damit habe ich mich dann entgültig in die Depression gestürzt.

    Gleich machen hier die Bäckereien auf und dann gebe ich mir mit frischen Marmeladencroissants und Milchkaffee nen Zuckerflash in der Hoffung danach schlafen zu können. Doch zunächst einmal muss ich auf dem Weg zur Bäckerei an dem Restaurant am Erdgeschoss vorbei...

    Ich würde gerne hoffen, dass dies die letzte Beerdigung war die mir Aids beschert hat aber danach sieht es ja im Moment nicht aus.

    Was für eine Scheiße!
     
  2. lost

    lost Bewährtes Mitglied

    Hallo,

    zunächst möchte ich Dir mein tiefes Mitgefühl ausdrücken.

    Ich habe gezögert, ob ich antworten soll. Deine Geschichte hat mich sehr ergriffen.
    Mir geht es ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass ich 1996 positiv getestet wurde und mittlerweile selber gesundheitlich sehr eingeschränkt bin.

    Schon allein dadurch, dass ich öfter in der Schwerpunktpraxis und im Krankenhaus auf dieselben Gesichter treffe und Hilfsangebote fürHIV-Positive in Anspruch nehme, bei denen ich immer wieder auf Leute treffe, die ich seit fast zwanzig Jahren kenne, habe ich sehr viele Begegnungen mit Menschen, die leider sehr oft nur noch ein Schatten ihrer selbst sind...

    Mittlerweile gehe ich kaum noch zu Beerdigungen... da muss mir jemand wirklich sehr, sehr wichtig gewesen sein.

    Wenn ich dann doch gehe, erwische ich mich oft dabei, dass ich nachrechne, wie viel länger der oder die Verstorbene infiziert war - und wie es mir wohl in wenigen Jahren gehen wird... und wie lange ich noch durchhalten werde...

    Ich weiß nicht, wie eng Dein Kontakt in den letzten Wochen und Monaten zu Deinen Freunden war, wann Du sie zuletzt gesehen hast.

    Manchmal ist es sogar tröstlich, wenn jemand von seinem Leid erlöst wird.
    Selbst wenn jemand unerwartet stirbt, tröstet mich der Gedanke, dass er oder sie nicht endlos leiden musste.

    Ich habe einige Freunde bis zum Ende begleitet und es fühlt sich an, als wäre jedesmal ein kleiner Teil von mir mit gestorben.
    Es war jedesmal unheimlich kräftezehrend, und es gab bei einem Freund auch schon Momente, in denen ich fast bereut habe, die Feuerwehr gerufen zu haben... zumindest hatte ich Zweifel.
    Ich hatte einen Wohnungsschlüssel, weil er schon sehr krank war (er hatte ein Leberkarzinom, dass sich um die Pfortader gewickelt hatte) und fand ihn in verwirrtem Zustand; seine Nieren hatten begonnen zu versagen.
    Er hat noch genau eine Woche im Krankenhaus gelegen, bevor er erlöst worden ist - und war wirklich eine Erlösung für ihn. Er hat in den letzten drei Tagen, nur noch gestammelt (weil die Lunge voll Wasser war und er kaum noch Luft bekam), dass er nicht mehr kann und endlich sterben will.

    Wenn ich an ihn und seine letzten Tage denke, hadere ich nicht mehr so sehr damit, wenn wieder jemand stirbt, sondern ich bin froh über jeden, dem ein solches Ende erspart geblieben ist.

    Vielleicht kann Dich der Gedanke trösten, dass jeder, der von uns gegangen ist, keine Schmerzen und keine seelischen Qualen (mehr) leiden muss.
     
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