Die Lange Zeit des Wartens

Dieses Thema im Forum "Infektion" wurde erstellt von Simyo, 29. April 2014.

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  1. Simyo

    Simyo Neues Mitglied

    Hallo alle zusammen,

    Ich reihe mich ein in die vielen vielen Beiträge hier, die Angst vor einerHIV-Infektion haben. Ich weiß, dass mir letztendlich niemand diese Angst nehmen kann, ich weiß, dass die meisten, die das selbe erleben einen negativen Test zurück bekommen und da ich hier recht viel gelesen habe weiß ich auch, dass Symptome auf Google nachschlagen eigentlich nur eines bringt: Die Angst wächst ins unermessliche.

    Und dennoch habe ich mich jetzt dazu entschlossen hier zu schreiben. Vielleicht hilft es ja mir die Angst von der Seele zu schreiben. Diese Angst, die noch bis Montag anhalten wird und dann sich dann entweder mit einem negativen Ergebnis in unendliche Erleichterung auflösen wird oder… Tja, dieses „oder“ ist es eben was mir vor Angst die Kehle zuschnürt. Sich über etwas zu sorgen, das man ohnehin nicht mehr beeinflussen kann, macht eigentlich keinen Sinn. Das Blut ist unterwegs ins Labor, das Ergebnis wird sich nicht mehr verändern, egal wie es letztendlich lautet. Warum also sich mit Gedanken fertig machen? Dafür gibt es keine logische Erklärung, sie lassen sich nur nicht mehr wegschieben. Und jetzt sind sie da und entgegen der ständigen guten Vorsätze nicht mehr nach Symptomen und Erfahrungsberichten zu googeln, erwische ich mich ständig dabei, diese kleinen Worte in die Suchmaschine einzuhämmern. Und die Frage: was wenn, lässt sich einfach nicht mehr wegschieben.

    Tja, was wäre eigentlich was wenn? Und was macht mir so unglaubliche Angst? Ja, es besteht ein Risiko, dass der Test positiv ausfällt, ja theoretisch gibt es unglaublich viele Symptome, die passen. Sie passen aber auch auf etliche andere Sachen und einige der Symptome gibt es vielleicht sogar nur, weil dieser Gedanke an HIV „plötzlich“ da war. Ich will daher gar nicht damit anfangen hier irgendwelche Symptome zu listen und zu fragen ob das nun HIV sein kann. Das ist ein leidiges Spiel, das zu nichts als noch mehr Unsicherheit führt.

    Die größte Angst vor einem positiven Ergebnis hat ganz andere Ursachen als die reine Tatsache, dass ich dann mit einer (derzeit noch) unheilbaren Krankheit lebe. Die Angst ist eher, dass mit dem Ergebnis die Gefahr da wäre meinen Partner, den ich bald heiraten werde, evtl angesteckt zu haben. Und nein, mein Risiko hat nichts mit einem Seitensprung zu tun ;) Mit unglaublicher Dummheit, ja. Aber noch nicht einmal der Dummheit überhaupt nicht daran gedacht zu haben, sondern wieder jeglicher Überzeugung gehandelt zu haben. Ich habe etliche Freunde, die positiv sind, ich kenne durchaus Menschen, die an diesem Virus gestorben sind. Und ich dachte ich hätte immer einen guten Umgang damit gehabt. Im Sinne von, „be safe“ aber steigere dich nicht irgendwo rein, kenne die Risiken!

    Und entgegen dieses Wissens, sogar entgegen meiner damaligen Aussage, dass ich von uns beiden (Ex-Freund vor 2 Jahren) einenHIV Test möchte, hat sich diese Umsicht in irgendeiner Nacht verflüchtigt. Sie wurde in irgendeine Ecke meines Bewusstseins gedrängt und wart bis vor zwei Wochen verschollen. Und dann war sie plötzlich wieder da und das Gedankenkarussell nahm seinen Lauf. Was, wenn diese Person, die wie ich heute weiß nicht unbedingt treu war positiv war? Was, wenn trotz Kondomen während meiner Zeit in Afrika (lebe Beruflich immer wieder dort) in der Vergangenheit mal was passiert ist? Was, wenn bei meinen Injektionen als ich in Südafrika krank war, doch etwas passiert ist? Entgegen der Aussage keine neue Nadel verwendet wurde? Ja, was dann?

    Die Gedanken sind da und gehen nicht mehr weg. Und diese Woche (am 05.05 bekomme ich das Ergebnis) dehnt sich zur längsten Woche meines Lebens. Mein Freund weiß, dass ich den Test gemacht habe. Er hat versucht mir die Angst zu nehmen, aber er ist dank Fernbeziehung nicht da und alleine in meiner Wohnung gelingt es mir nicht mich abzulenken.
    Wenn dieser Test positiv ist, dann habe ich wider besseren Wissens gehandelt. Wenn dieser Test positiv ist, dann habe ich andere in Gefahr gebracht obwohl ich daran hätte denken sollen. Wenn dieser Test positiv ist, dann habe ich mich selbst sabotiert, denn eigentlich habe ich mich gerade erst aus ganz anderen Problemen aus eigener kraft heraus gearbeitet. Warum konnte ich dann nicht genug aus mich aufpassen, um diese neu erlangte Lebensqualität wenigstens eine Weile zu genießen? Könnte mir mein Partner verzeihen, wenn es so wäre? Steigere ich mich vielleicht nur in etwas rein? Hat diese Angst evtl. ganz andere Ursachen? Auf all diese Fragen schwirren mir im Kopf herum und werden Stündlich, nein oft Minütlich anders beantwortet. Ich befinde mich zwischen Lethargie und Tatendrang, schwanke zwischen Verzweiflung und Hoffnung hin und her und sehe dem Montag manchmal zuversichtlich, aber leider meist voller Angst entgegen. Denn letztendlich bleibt diese kleine Frage unbeantwortet im Raum: Was wenn?

    PS: Ich bedanke mich einfach für das Lesen. Dieser Text ist einfach nur eine Momentaufnahme wie es mir gerade geht. Ich erwarte eigentlich gar keine Antworten. Ich wollte meine wirren Gedanken einfach nur zu „Papier“ bringen in der Hoffnung es könnte helfen.

    PPS: Alles Gute an alle, denen es ähnlich geht. Und vor allem an die, deren Testergebnis nicht die erhofften Resultate gebracht hat.

    PPPS: Liebe Moderatoren, ich wollte das Thema eigentlich in HIV-Infektion schreiben, aber irgendwie kann ich dort keinen neuen Beitrag erstellen. Bitte daher, wenn nötig, einfach verschieben. Danke!

    Vielen Dank noch mal fürs Lesen!
    Eure Simyo
     
  2. AlexandraT

    AlexandraT Moderator HIV-Symptome.de Team

    Hallo

    Dass es nicht klappt mit dem Schreiben passiert leider ab und an. Ursache kennen wir noch nicht. Ich verschiebe Deinen Beitrag mal. Wenn Du beim Antworten immer wieder aus dem Thema geworfen wirst bitte einfach zitieren wählen, alles löschen und Deine Antwort schreiben.
     
  3. Simyo

    Simyo Neues Mitglied

    Danke fürs Verschieben Alexandra. Die Antwortfunktion scheint zu funktionieren :)

    Lg Simyo
     
  4. Simyo

    Simyo Neues Mitglied

    Wenn der Test am Montag negativ zurückkommt, dann entschuldige ich mich jetzt schon mal für meine „unbegründeten“ Beiträge hier.

    Im Moment schnürt sich mir bei dem Gedanken an das Ergebnis nur alles zusammen. Ich weiß doch, dass die meisten Symptome an sich entdecken, gerade weil sie Angst vor einem positiven Ergebnis haben. Das hilft aber nicht um den Gedanken weg zu schieben, dass auch jene, bei denen der Test positiv ausfällt ja aus irgendeinem Grund den Test haben machen lassen.

    Ich weiß auch, dass man heute mit dem Virus leben kann. Sogar gut leben kann. Aber auch dieses Wissen kann mir nicht über die Angst hinweg helfen, dass ich es eventuell nicht schaffen würde mit der Diagnose klar zu kommen. Und an dieser Stelle möchte ich einfach mal meine Bewunderung für all jene aussprechen, die sich von ihrer Diagnose nicht unterkriegen lassen. Viele in diesem Forum strahlen einen unglaublichen Optimismus und eine Liebe fürs Leben aus, die man sich nur als Vorbild nehmen kann. Und das völlig unabhängig vom eigenen Serostatus!

    Was mir in dieser zeit des Wartens und durch meine Beschäftigung mit dem Thema klar geworden ist ist, dass ich mich engagieren möchte. Ich habe immer schon recht viel ehrenamtlich gearbeitet, aber da ich erst vor kurzem in eine andere Stadt gezogen bin, hat mir hier bislang die Angliederung an einen Verein gefehlt. Ich habe mich nun intensiv mit der Arbeit der AIDS-Hilfe hier auseinander gesetzt und vor allem ist mir klar geworden, dass es neben der allgemeinen Aufklärungsarbeit zu Übertragungsrisiken, vor allem an einem in unserem Land mangelt. Einem Verständnis für das alltägliche Leben mit dieser Krankheit.

    Da ich persönlich bislang nur im südlichen Afrika mit der Krankheit in Kontakt gekommen bin und gesehen habe was dort eine Diagnose bedeutet, war auch mein eigens Bild vom Leben mitHIV in Deutschland/ Europa bislang ein anderes. Aber auch hier ist die Krankheit trotz besserer Versorgung, trotz besserer Lebenserwartung nach wie vor ein enormes Stigma.

    Ich hoffe verständlicher weise auf ein negatives Ergebnis. Aber noch mehr hoffe ich, dass ich (wenn es denn negativ ist), nie wieder vergesse was in dieser Zeit des Wartens durch meinen Kopf gegangen ist. Vor allem diese Angst vor dem Allein sein, die für so viele mit dieser Krankheit leider Realität ist. Ich hoffe sehr, dass ich als negative Person in Zukunft dazu beitragen kann dies zu ändern.

    Ein schönes Wochenende!

    Eure Simyo
     
  5. Simyo

    Simyo Neues Mitglied

    Es gibt noch etwas, was ich am Montag machen werde, wenn das Ergebnis negativ ist. Ich werde meine Hochzeitseinladungen verschicken ;) Die liegen nämlich seit gestern hier auf dem Schreibtisch aber ich habe mich vor lauter Angst, dass sich nächste Woche alles ändert, nicht getraut sie abzuschicken. Und ja, dies auszusprechen und damit (selbst wenn es nur online ist) zuzugeben, dass ich keinen guten Umgang mit meiner Angst habe, fällt mir schwer.
     
  6. AlexandraT

    AlexandraT Moderator HIV-Symptome.de Team

    Ne, die sind nicht unbegründet. Ich lese durchaus mit. Wenn Dir diese Art von "Tagebuch" hilft hat da Forum seinen Zweck erfüllt.

    Prima. :)
     
  7. Simyo

    Simyo Neues Mitglied

    Ja, es hilft. Zumindest etwas. Mehr würde es helfen, es tatsächlich zu jemandem zu sagen. Aber die Anonymität des Internets macht es natürlich einfacher Gedanken, die einem unangenehm sind auszusprechen. Darum bin ich froh hier schreiben zu können. :) Ich habe nur das Gefühl, dass es in Foren wie eurem teils so viele Beiträge gibt, die sich schlussendlich als reine Paranoia entpuppen, dass es für Menschen, die wirklich positiv sind, manchmal wie eine Farce wirken muss.

    Darf ich jenen, die positiv sind eine Frage stellen, die mich bewegt? Was habt ihr getan um mit der Diagnose klar zu kommen? In allen Berichten, die ich lese wird immer betont wie wichtig es ist dies zu tun und man sich von dem Gefühl "Schuld zu sein" lösen muss. Wenig wird allerdings darüber gesagt wie man dies schafft, denn ich nehme an, dass bei fast allen zumindest zu Beginn ihrer Erkrankung auch immer gewisse Selbstvorwürde vorhanden sind. Oder anders ausgedrückt, wie findet man zu diesem Mittelweg die Krankheit zu akzeptieren, ohne sich vollkommen mit ihr zu identifizieren?

    Vielen Dank schon mal für Antworten!

    Lg Simyo
     
  8. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Nein, Selbstvorwürfe habe ich mir nicht gemacht, auch nicht dem, bei dem ich es mir geholt habe. Ich hätte ja besser aufpassen können, denn letztlich ist jeder für seinen Schutz selbst verantwortlich.

    Ansonsten empfehle ich Dir mein Buch »Endlich mal was Positives«. Klick auf den Link in der Signatur, dann kommst Du auf meine Website und kannst ein wenig stöbern.
     
  9. Simyo

    Simyo Neues Mitglied

    Jemandem Vorwürfe zu machen würde mir ebenfalls nicht in den Sinn kommen. Für die Sache mit den Selbstvorwürfen würde ich aber mit Sicherheit eine gewisse Zeit brauchen. Und das obwohl ich bei einem anderen Menschen niemals auf die Idee kommen würde ihm zu sagen (oder auch nur zu denken), dass er "selbst Schuld" ist. Und ja, ich mir mir bewusst, dass dies ein Paradoxon ist. Aber zwischen Wissen und Fühlen liegen eben manchmal Welten.

    Dein Buch steht schon auf meiner Leseliste. Und die Arte-Doku habe ich mir natürlich auch schon angeschaut. Ich muss sagen, ich finde deinen Umgang mit der ganzen Thematik bewundernswert. Vor allem den Spagat zwischen der intensiven Aufklärungsarbeit und (hm, wie drückt man es aus?) dem "Drang" vieler Menschen dich auf das Virus zu "reduzieren". Nur wer eine Krankheit tatsächlich verarbeitet hat kann für sich selbst wirklich sagen, dass die Krankheit zwar Teil von einem ist, man selbst aber nicht die Krankheit ist. Damit hatte ich massive Probleme als ich vor drei Jahren Urtikaria bekommen habe. Und im Vergeblich zuHIV, ist diese Diagnose eher eine Lappalie. :wink: Ich finde es auf jeden Fall toll, wie du dich engagierst und Menschen zum Umdenken bewegst.
     
  10. Simyo

    Simyo Neues Mitglied

    Der Test war negativ. :D An dieser Stelle, Danke ans Forum, dass ich hier meine Sorgen abladen konnte!

    Die gute Nachricht hat im Gesundheitsamt tatsächlich einen Moment gebraucht um mich zu erreichen und dann bin ich im Park erst mal in tränen ausgebrochen und hab meinen Freund angerufen. Seine Reaktion: "Ich hätte dich doch auch "positiv" geheiratet."

    Wenn ich daran denke, was ich in dieser Woche für eine Achterbahn der Gefühle durchgemacht habe, dann kann ich nur jedem, der diesen Test vor sich herschiebt sagen: Macht ihn! Denn gute Vorsätze hin oder her. Mit dieser Ungewissheit, die sich breit macht sobald der Gedanke, dass man positiv sein könnte erst mal halt gefunden hat, stellt man sein Leben (ohne es zu wollen) in vielen Aspekten auf Pause. Schon eine Woche hat sich zur Ewigkeit ausgedehnt. Ich möchte gar nicht wissen, wie es ist Monate oder Jahrelang mit dieser Angst zu leben. Und um so länger man sich mit dem Gedanken trägt, "was wäre wenn", umso wahrscheinlicher findet man es, dass das Ergebnis positiv ist. Macht euch das Leben nicht länger zur Hölle als notwendig!

    So, nach dieser Rede à la "hinterher ist man immer schlauer" wünsche ich allen, die hier im Forum aktiv sind und Rat suchen eine schöne Woche und alles alles gute für ihr weiteres Leben. Ich werde bestimmt immer mal wieder rein schauen und bald vielleicht auch mehr beizutragen haben, als meine eigene Angst. :wink: Ich hab gerade zumindest schon mal bei der AIDS Hilfe hier angerufen und werde dort bald vorbei schauen. Denn wenn ich eine Lehre aus der Sache gezogen habe dann, dass der Slogan der ganzen Kampagnen "positiv zusammen leben" für mich keine Leerformel bleiben soll.

    Viele Grüße,

    Eure Simyo
     
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