Betrachtungen zum Film »Dem Horizont so nah«

Dieses Thema im Forum "Nachrichten" wurde erstellt von matthias, 28. Oktober 2019.

  1. matthias

    matthias Moderator HIV-Symptome.de Team

    Nachdem jüngst hier im Forum zu dem Film folgende Aussage getroffen wurde …
    … war ich gestern im Kino und komme zu folgendem Ergebnis (das ich auch bei FB und an anderen Orten publiziert habe):

    »Dem Horizont so nah« kam im Oktober 2019 in die deutschen Filmtheater, basiert auf dem drei Jahre zuvor erschienenen gleichnamigen Bestseller von Jessica Koch und erzählt eine wahre Begebenheit: Die Jugendliebe der damals 18-jährigen Autorin zu einem zwei Jahre älteren Mann, der als Kickboxer und Model ein auskömmliches Leben führt, laut Kurzinhalt aber ein »dunkles Geheimnis« verbirgt. So weit – so gut, könnte man meinen, wenn nicht … ja, wenn nicht das »dunkle Geheimnis« die Misshandlung und Vergewaltigung des damals 11-jährigen Danny durch seinen Vater wäre, die ihm überdies eine HIV-Infektion einbrachte. Und hier beginnt das Problem.

    Der Film spielt 1999. Zu dieser Zeit hatte sich am HIV-Horizont schon seit drei Jahren der Silberstreif der antiretroviralen Therapie (ART) ausgebreitet, die bereits 1997 zu einem signifikanten Rückgang der Sterblichkeitsrate unter HIV-positiven Menschen führte. Danny weiß, dass er HIV-positiv ist, scheint aber seit der Diagnose noch nie einen Arzt aufgesucht zu haben. Er wehrt sich gegen die aufblühende Beziehung zu Jessica; einerseits kann er nach den Missbrauchserfahrungen keine körperliche Nähe zulassen, andererseits hat er Angst, die Infektion weiterzugeben. Trotzdem ist er zwischen seinen beiden Traumata und der Beziehung zu Jessica hin- und hergerissen. Als er ihr schließlich von seiner Krankheit erzählt, ist es ausgerechnet sie, die sich in einer Beratungsstelle informiert und ihm von »den Tabletten« – also der ART – erzählt.

    Im Laufe des Films wird bei Danny eine PML (Progressive multifokale Leukenzephalopathie) diagnostiziert, die zwar nicht nur auf HIV-Patienten beschränkt ist, hier aber tatsächlich zu den opportunistischen (oder AIDS-definierenden) Erkrankungen zählt. Sie kann zu Lähmungserscheinungen und Erblindung bis hin zur Demenz führen, tritt allerdings am häufigsten bei Patienten auf, die nicht antiretroviral behandelt sind – so, wie es offensichtlich bei Danny der Fall ist. Im Film wird schnell deutlich, dass er nach der PML-Diagnose innerlich mit seinem Leben abgeschlossen hat.

    Inwiefern Danny seine HIV-Infektion – die so präsent ist, dass er z. B. in Situationen panisch reagiert, in denen Blut im Spiel ist – tatsächlich ernsthaft bekämpfen will, wird nicht thematisiert. Tatsache ist aber, dass er mit der ART die Infektion besser im Griff gehabt hätte. Nun ist der Film »nach einer wahren Begebenheit« entstanden und das Buch basiert auf einer Biographie. Ob die 16 Jahre später aufgeschriebenen Erlebnisse richtig erinnert wurden … und inwieweit sich das Drehbuch von der Vorlage entfernt hat, steht auf einem anderen Blatt.

    Zu den Schauspielern: Während Luna Wedler als Jessica überzeugt, ist Jannik Schümann – den ich ansonsten sehr schätze – als Danny in meinen Augen fehlbesetzt, weil er einfach zu freundlich für seine Rollenlegende in die Kamera schaut. Er erfüllt zwar optisch alle Klischees des »Ritters auf dem weißen Pferd«; seine Verzweiflung und sein Leidensdruck kommen mir aber zu holzschnittartig vor und bleiben unglaubwürdig. Die anderen Rollen sind gut besetzt, besonders hervorheben möchte ich Victoria Mayer als Jessicas Mutter.

    Quintessenz: Der Film ist eine kitschig überhöhte und mit zu vielen Problemen aufgeblasene BRAVO Foto-Love-Story, eine Art »Cinderella ohne Happy-End«, die zumindest zum Thema HIV falsche, weil lange überholte Bilder transportiert. Dadurch werden in der avisierten Zielgruppe (FSK 12) Ängste und Einstellungsdimensionen der 80er und frühen 90er Jahre wieder wachgerufen, die die Präventionsarbeit der letzten 20 Jahre ad absurdum führen. Dieser Trend ist mittlerweile leider auch in HIV-Foren festzustellen, in denen insbesondere 20-30-jährige User Fragen stellen, die seit über 25 Jahren eigentlich als abschließend beantwortet gelten – speziell zum Thema »Übertragungswege«. Etwas aber macht der Film wenigstens richtig: An zwei Stellen wird deutlich gesagt, dass HIV und AIDS unterschiedliche Dinge sind …
     
    AlexandraT gefällt das.
Die Seite wird geladen...
  1. Unser HIV Forum nutzt Cookies. Details zur Nutzung von Cookies auf unseren Seiten findest Du hier und unter "Weitere Informationen":

    Information ausblenden