US Patent # 5676977

Das Internet ist eine wahre Fundgrube für Verschwörungstheoretiker. War die Mondlandung nur ein Fake? Ist Bill Gates der Teufel in Person? Musste Wolfgang Amadeus Mozart sterben, weil er in seiner Zauberflöte zu viele Geheimnisse über die Freimaurer verraten hatte? Sind die meisten dieser Theorien in der Regel sehr unterhaltend, können sie mitunter auch eine große Gefahr darstellen. Das gilt insbesondere dann, wenn sie leichtgläubige Menschen dazu bringen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und dubiosen Scharlatanen mehr zu vertrauen als erwiesenermaßen wirksamen Medikamenten. Um einen solchen Fall handelt es sich beim US Patent # 5676977, das seit 1996 immer wieder für Verwirrung sorgt und gleichzeitig realitätsferne HIV Leugner Diskussionen anfacht.

AIDS – nur eine Verschwörungstheorie?

Das Acquired Immuno Deficiency Syndrom (kurz: AIDS) gilt neben Krebs als eine der gravierendsten Epidemien der Menschheit. Selbst mehr als 30 Jahre nach der Entdeckung des HI-Virus durch einen Franzosen und einen Amerikaner gibt es noch kein Heilmittel gegen den AIDS-Erreger. Über 36 Millionen Menschen starben bisher an der Immunschwächekrankheit. Ebenso viele leben derzeit weltweit mit HIV, viele von ihnen, ohne es zu wissen. Während allgemein als sicher angenommen wird, dass das Virus von afrikanischen Schimpansen auf den Menschen übergesprungen ist, gehen Verschwörungstheoretiker davon aus, dass die Erkrankung nicht das Ergebnis einer zufälligen Mutation ist.

Sie glauben vielmehr, dass der Erreger unter dem Codenamen MK-NAOMI in geheimen Versuchslaboren der USA entwickelt wurde. Diese Theorie erfreute sich eines regen Zuspruchs, bis 1992 zwei ehemalige Stasi-Mitarbeiter einräumten, die AIDS-Lüge im Auftrag des KGB erfunden und für ihre Verbreitung gesorgt zu haben. Die entsprechende Kampagne des sowjetischen Geheimdienstes hatte der damalige Kreml-Chef Michail Gorbatschow schon 1987 gestoppt und sich bei der US-Regierung für die Rufschädigung entschuldigt. Dieweil bekanntlich eine Verschwörungstheorie die nächste jagt, dauerte jedoch es nur wenige Jahre, bis ein geeigneter Ersatz gefunden wurde – das US Patent # 5676977 – ein Mittel zur Heilung von AIDS.

Was verbirgt sich hinter dem Patent 5676977?

Im Jahr 1996 ließ sich Marvin S. Antelman eine von ihm entwickelte Behandlungsmethode gegen das HI-Virus patentieren und bot damit eine willkommene Gelegenheit für Verschwörungstheoretiker. Schließlich lässt sich mit Kranken mehr Geld verdienen als mit Gesunden. Entgegen aller Einwände der Wissenschaft behaupten anonyme Internetnutzer weltweit, dass AIDS längst heilbar wäre. Das Heilmittel würden die Regierungen jedoch absichtlich verheimlichen, um die gigantischen Umsätze der Pharmaunternehmen nicht zu gefährden und die Arbeitsplätze im Gesundheitssektor zu sichern. Antelman, der selbst als einer der rührigsten Verschwörungstheoretiker galt, pries den von ihm gefundenen Wirkstoff Tetrasilber-Tetroxid (TST) als AIDS-Heilmittel an und beteuerte außerdem, dass die Substanz auch gegen Viren, Bakterien, Pilze und Krebs wirke.

Laut seiner Aussage bekämpft TST die AIDS auslösenden HI-Viren, indem es diese mit Elektronen beschieße. Schon eine einzige Injektion der molekularen Kristalle genüge, um die HI-Viren im Körper zu vernichten. Studien, welche diese Darlegung beweisen, gibt es indes bis heute nicht. Es stellt sich die Frage, wie eine Eliminierung der in den Körperzellen versteckten Viren funktionieren soll, ohne dem Körper selbst erheblichen Schaden zuzufügen. Als Arzneimittel ist Patent 5676977 nicht  zugelassen. TST kommt für gewöhnlich als Desinfektionsmittel zur Anwendung. Ausgenutzt wird hierbei ihre toxische Wirkung auf Organismen – ein Umstand, der jedem vernünftigen Menschen zu denken geben sollte. Dennoch ruft das US Patent # 5676977 als angebliches Heilmittel gegen AIDS bis heute weltweit mediale Aufmerksamkeit hervor und geistert durch diverse Online-Foren. Nicht zuletzt, da die Patentschrift nach wie vor öffentlich verfügbar ist:

http://www.google.com/patents/US5676977 (US Patent in englischer Sprache)

Kein Heilmittel gegen HIV in Sicht

Obwohl moderne Kombinationstherapien dem HI-Virus einiges entgegensetzen und das Leben von HIV-Infizierten deutlich verlängern können, gibt es bisher keinen Wirkstoff, der die Erreger endgültig aus dem Körper entfernt. Eine baldige Heilung des Immunschwäche-Syndroms AIDS ist derzeit ebenso wenig zu erwarten wie eine Schutzimpfung gegen HI-Viren. AIDS-Experte Steven Deeks, Professor für Medizin an der Universität von Kalifornien, gab bei der diesjährigen Welt-AIDS-Konferenz in Melbourne zu bedenken, dass es noch viele Jahre dauern wird, ein wirksames Heilmittel zu finden.

Bis dato scheitert die dauerhafte Beseitigung der HI-Viren daran, dass sie jahrelang im Verborgenen schlummern können, ohne entdeckt zu werden. Françoise Barré-Sinoussi, Vorsitzende der Welt-AIDS-Konferenz, zeigte sich jedoch optimistisch und betonte, dass die AIDS-Forschung große Fortschritte mache. Die US-Virologin Deborah Persaud wies darauf hin, dass auch Rückschläge die Wissenschaftler entscheidend voranbrächten. Sie gehörte zu dem Forscherteam, welches das sogenannte Mississippi-Baby behandelte. Das bereits seiner Geburt mit HIV infizierte Kind galt nach Ende einer 18-monatigen Medikamentenbehandlung 27 Monate lang als geheilt, bis bei einer Blutkontrolle doch wieder HI-Viren festgestellt wurden.

Was bewirken heutige AIDS-Medikamente

Keines der bisher bekannten Medikamente kann die Ausbreitung der HI-Viren vollständig und dauerhaft unterbinden. Die Viren lagern sich hauptsächlich in den weißen Blutzellen der körpereigenen Immunabwehr an und übertragen ihren Erbcode auf die sogenannten T-Zellen, um sich zu vermehren und weitere Zellen zu infizieren. Fehler während dieses Kopiervorgangs lassen immer neue Varianten entstehen. Das Virus verändert sich so, dass es gegen einen einzelnen Wirkstoff schnell resistent wird. Verhindern lässt sich dies durch die gleichzeitige Einnahme verschiedener Arzneimittel. Verliert ein Medikament seine Wirkung, greift das nächste. In der Regel vermag die Kombination dreier Substanzen das Auftreten von Resistenzen über einen langen Zeitraum zu vereiteln.

Im Idealfall wird die Bildung neuer Viren komplett unterdrückt. Wo es keine neuen HI-Viren gibt, treten auch keine Mutationen auf. Die Viruslast nimmt ab, während die Anzahl der Helferzellen steigt. Da es momentan noch nicht möglich ist, alle Viren zu eliminieren, müssen sich die Erkrankten einer lebenslangen Therapie unterziehen. Wird die Behandlung vorschriftsmäßig durchgeführt, können die Betroffenen lange mit HIV leben. Zudem sinkt die Ansteckungsgefahr für andere. Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung von HIV einer werdenden Mutter auf ihr ungeborenes Kind lässt sich mit modernen Medikamenten ebenfalls reduzieren und liegt derzeit bei weniger als 1%. Die Patienten klagen jedoch häufig über starke Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen, Kopf- und Muskelschmerzen und Hautausschläge.

Diese Effekte treten oft zur zu Beginn der Therapie auf, bleiben zum Teil aber auch dauerhaft bestehen oder entwickeln sich erst im Laufe der Zeit. Verschiedene Langzeitnebenwirkungen haben sogar schwerwiegende gesundheitliche Folgen. Aus Angst vor diesen Auswirkungen greifen einige der Behandelten nach jedem Strohhalm. Sie geben angeblich nebenwirkungsfreien Präparaten wie Patent 5676977 den Vorzug vor medizinisch getesteten Wirkstoffen und setzen damit unbewusst ihr Leben aufs Spiel.

Erfolge bei der Aids-Forschung geben Hoffnung

Eigenen Angaben zufolge ist Forschern aus Dänemark kürzlich ein wichtiger Fortschritt im Kampf gegen AIDS gelungen. Mit Hilfe eines Anti-Krebs-Mittels konnten sie schlummernde Viren wecken und hoffen nun, eine Methode zu finden, um diese gezielt zu vernichten. Dieses Konzept wird als „Kick and Kill“ bezeichnet, was soviel bedeutet wie „rausschmeißen und abtöten“.

Die Studie beruht jedoch lediglich auf Tests mit sechs Patienten. Daher warnt Forschungsleiter Ole Schmeltz Søgaard vor zu großen Erwartungen.

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